Eigentlich ist es ein ganz gewöhnlicher Montagmorgen: Die Schüler erzählen von ihrem Wochenende, von Computerspielen vom Schwimmen, von Ausflügen. Und doch ist alles anders. Fast alle Schüler suchen lange nach Worten, um die schlichtesten Erlebnisse zu schildern. Die Satzstellungen sind eigentümlich verdreht, ein Akzent schwerer zu deuten als der nächste. Ich… habe Fahrrad gefahren", sagt die elfjährige Malgorzata* so leise, dass sie kaum zu verstehen ist. Die Lehrerin unterbricht: "Wem fällt etwas auf?" Ein Finger reckt sich in die Höhe, und als die anderen sehen, dass ihre Lehrerin schnell bei Mario ist, um sich die richtige Antwort ins Ohr flüstern zu lassen, ist auch der Ehrgeiz der Mitschüler geweckt. Während sich bis eben niemand für das Perfekt von fahren zu interessieren schien, wollen sich nach dem zehnjährigen Italiener nun auch alle anderen die Hand für die richtige Lösung schütteln lassen. Malgorzata schließlich darf den Satz als Einzige laut aussprechen. "Ich bin Fahrrad gefahren", sagt die Polin selbstbewusster. War das jetzt ein didaktischer Trick aus der Lehrerausbildung? "Eher gesunder Menschenverstand", sagt Ute Behnke. Ohne den würde sie trotz ihres Enthusiasmus und der Methoden, die sie in ihrem Studium für Ausländerpädagogik gelernt hat, nicht weit kommen.

Ute Behnke unterrichtet an der Hamburger Grundschule Wielandstraße eine "Vorbereitungsklasse für Kinder mit Migrationshintergrund". Sie selbst spricht lieber von ihrer "internationalen Klasse" und trifft damit den Kern: Die 15 Kinder zwischen acht und elf Jahren, die heute morgen vor ihr sitzen, stammen aus zehn Nationen.

Durchschnittlich 500 schulpflichtige Kinder ohne Deutschkenntnisse ziehen jedes Jahr aus dem Ausland nach Hamburg. Bevor sie in die jeweilige Schule ihres Wohnviertels übersiedeln können, führt ihr Weg in eine der insgesamt 39 Klassen, in denen sie auf das deutsche Schulleben vorbereitet werden. Hier sitzen sie also alle für eine begrenzte Zeit nebeneinander – der Managersohn aus San Francisco ebenso wie das afghanische Flüchtlingskind. Und der Pädagoge, in dessen Obhut sie geraten, muss in sich eine Vielzahl von Rollen vereinen: vom Deutschlehrer über den Kulturvermittler bis zum Seelentröster. "Ich habe es nicht selten erlebt, dass gerade Flüchtlingskinder so traumatisiert hier ankamen, dass sie ein halbes Jahr lang erst einmal gar nichts lernen konnten", erzählt Ute Behnke aus ihrer 20-jährigen Erfahrung. Und dann sind da andere Schüler, wie der neunjährige Chinese Lu, der die Lehrerin auch nach fünf Monaten immer wieder in Erstaunen versetzt. "Er hat sich innerhalb weniger Wochen sowohl die Sprache als auch die Schrift, die er hier ja ganz neu lernen musste, selbst beigebracht." Sein Wechsel in eine Regelklasse wird daher schon nach ungewöhnlich kurzen neun Monaten möglich sein.

Dass sich Ute Behnke über Geschichten wie die von Lu freut, ist spürbar. Dass aber der Ehrgeiz der 61-Jährigen eigentlich den anderen gilt, den Kindern, die manchmal auch zwei Jahre in der Alphabetisierungsklasse verbringen müssen, das macht sie so erfolgreich. Da ist zum Beispiel der elfjährige Roman aus Rumänien. "Er ist auch ein richtig schlaues Kerlchen", erzählt die Lehrerin von dem Jungen, der bis zu seinem Umzug nach Deutschland keine Schule besucht hatte. "Aber er hat nie gelernt, in bildlichen Strukturen zu denken, wie unsere Kinder hier es schon im frühen Kindergartenalter tun." Buchstaben lernen, Buchstaben zu Silben zusammenziehen – bei ihm dauert alles länger. Aber am Ende wird auch er Deutsch sprechen und schreiben und hoffentlich in der "Welt da draußen" bestehen können. Bis dahin werde dann eben manchmal mit Händen und Füßen kommuniziert, erzählt Ute Behnke. Und die Leichtigkeit, mit der die Kinder Brücken über jede Art sprachlicher, kultureller und sozialer Kluft innerhalb ihrer Gemeinschaft schlügen, überrasche sie oft selbst. "Sie kommen wunderbar miteinander zurecht", erzählt die Pädagogin.

Für Wolfgang Dammert ist es in den vergangen zwei Jahren fast zu einer Mission geworden, Lehrer wie Ute Behnke zu finden. Der Leiter des Gymnasiums im Hamburger Stadtteil Hamm weiß, dass auch in seiner Vorbereitungsklasse Weichen für ein ganzes Menschenleben gestellt werden. "Wer aus dem Ausland auf ein Gymnasium kommt, bringt immer ein gutes Zeugnis mit und ist entsprechend begabt", sagt der 62-Jährige. Aber wenn dieser Schüler nicht an die entsprechenden Pädagogen gerate, wenn sich zum richtigen Zeitpunkt keiner ausreichend einfühle und einsetze, dann "kann einer einfach wegglibbern".

Kein Gesetzeserlass der letzten Jahre hat die Akteure vor Ort deshalb so gefreut wie das Konzept der "Selbstverantworteten Schule", das den Schulen seit zwei Jahren erlaubt, sich ihre Lehrkräfte selbst auszusuchen. "Bei uns sind mittlerweile nur noch Pädagogen im Einsatz, die selbst eine Weile im Ausland gelebt haben", sagt Dammert. "Mir ist wichtig, dass sie einmal im Leben die Erfahrung gemacht haben, ohne alles dagestanden zu haben." Wer diesen Job antrete, der müsse mehr als anderswo von dem Willen getrieben sein, etwas zu gestalten. Dann überlegt der Schulleiter kurz, lächelt und sagt: "Eigentlich ist es ganz einfach: Ein Lehrer bei uns muss wirklich wissen, wo die Probleme der Welt liegen."

*Vornamen der Kinder geändert