Unvergessen, wie der Herr Mairoser im Lateinunterricht ein rotes Gesicht bekam. Wir lasen aus der Aeneis, viertes Buch, Vers 160 folgende: Dido, Karthagos Königin, ist schwer in Aeneas verschossen. Der Trojaner hat seine Heimatstadt, seinen Vater, seine Gefährten verloren. Jede Ablenkung ist ihm willkommen, er geht mit Dido auf die Jagd. Ein Unwetter überrascht die beiden im Wald, und sie flüchten in eine Höhle. "Die Blitze und der Himmel brannten. Vom Kamm des Gebirges schrien die Nymphen." So oder so ähnlich übersetzten wir damals. Herrn Mairosers Gesicht verdunkelte sich wie der Himmel über den Wäldern Karthagos. "Schnuckischnucki haben’s g’macht. Was glauben Sie, damals ging’s auch immer nur um das eine."

Vier Jahre später sang ich, Bariton, in einem Hinterhofchor in München. Wir probten einen Teil des dritten Akts aus Henry Purcells Oper Dido und Aeneas, die Jagdszene. Außer mir noch dabei: eine Kleintheaterintendantin, eine Sozialpädagogin, ein schwuler Finanzbeamter, eine Studentin – und A. Sie trug langes blondes Haar, war zehn Jahre älter als ich, berufstätig, Französin. Ich hatte auch lange Haare, keine Pickel mehr und keine Freundin, machte Zivildienst und lebte auf acht Quadratmetern bei meiner Tante in Schwabing. Das Glück war auf meiner Seite. Bei A. gab es Probleme in der Ehe, und sie suchte Kompensation. Bei mir. Am Abend gingen wir ins Kino. Ihre Hand legte sich auf meine Hand. Die Gedanken wanderten nach Nordafrika, in eine Höhle bei heftigem Gewitter.

Am nächsten Tag habe ich die Platte gekauft. Benjamin Britten leitet die Purcell Singers und das English Opera Group Orchestra. Es war meine erste Oper. Eine Barockoper. Der tragende Grund, der Basso continuo des Werks sind nicht die lendenschwingenden Hexameter Vergils, die bei Kaiser Augustus, dem Thronfolger Trojas, laut röchelnd zum Höhepunkt kommen. Es ist das Cembalo. Hybride hämmernd, meißelt es das Bild der Dido – das Eingeständnis ihrer Liebe zu Aeneas und seinen gottgewollten Abschied, der ihr das Herz brach, dass sie starb. Am Ende des dritten Akts gibt Dido eine Arie von so grenzenlosem Selbstmitleid, dass es, wie alles, was nur groß genug wird, Erhabenheit bekommt. "Wenn ich in der Erde liege", singt sie sterbend im Alt, möge man sie nicht vergessen – nur, bitte, ihr schreckliches Schicksal. Es ist das Schönste, was ich gehört hatte. Es troff, aber es traf mich. Ich habe mich in Dido verliebt, sie war stärker als A. Purcell hat Herrn Mairoser widerlegt: Die musikalischen Hammerschläge der Liebe wirken stärker als das strophische Donnern der Fleischeslust.

Eine Woche darauf im Hinterhof. In den vergangenen Tagen lief die Oper ununterbrochen, bei der Arbeit, im VW-Bus, mit dem ich Würstchen und Klopapier einkaufen fuhr, im Wohnzimmer von Tante Jula. Wir standen im Halbkreis, ich ersetzte den Bass, mir gegenüber A., als Sopran. "Dank dieser lieblichen Täler…", hoben wir an, und A.s Augen blitzten mich an. Mein Gesicht wurde rot wie das von Herrn Mairoser im Lateinunterricht. Ich dachte an das Cembalo. Ich schloss die Augen und sang lauter. Für Dido.

Henry Purcell: Dido and Aeneas, Purcell Singers, English Opera Group Orchestra, Ltg. Benjamin Britten (1959); BBC Legends