Theater hat mich schon früh begeistert. Meine Eltern haben mich immer wieder zu Aufführungen mitgenommen, die für Kinder nur bedingt geeignet waren. Eines der ersten Stücke, die ich sah, hatte Peter Zadek inszeniert. Eine wüste Sache. Ein dicker, schwerer Mann, Ulrich Wildgruber, fiel polternd über eine Treppe und war tot. Jedenfalls dachte ich das. Diese Szene beeindruckte mich, von da an wusste ich, dass ich so etwas auch machen will.

Nun bin ich als Schauspieler nur bedingt begabt. Outrieren kann ich zwar, aber sonst wohl nicht viel. Als Regisseur fühle ich mich wohler. Nicht nur, weil ich eher fürs Anschaffen bin. Sondern weil mich diese Tätigkeit zwingt, eine Haltung zu entwickeln, und mir die Chance bietet, mich zur Realität zu äußern. Meine Generation lebt ja weithin in der Vorstellung, cool sein zu müssen. Dieses Drüberstehen-Wollen finde ich aber schrecklich. James Dean war nicht cool, der hat enorme Gefühle zugelassen. Aber am Theater dominiert heute das Coole. Und die Deutschen, so scheint es mir, haben noch mehr Angst vor Gefühlen als wir Österreicher. Wenn in Berlin im Kino die Liebe Thema ist, dann wird noch mehr gekichert als in Wien.

Meine Diplomarbeit an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch war die Inszenierung Liebe 1968 . Ich habe einen französischen Film für sechs junge Schauspieler adaptiert. Das Stück hat mich glücklich gemacht, weil unser Ensemble so stark war. Tolles Theater kann man nur mit Leuten machen, die einander schätzen und vertrauen. Ein Ensemble erinnert im Idealfall an eine Räuberbande und steht für mich auch als Gegenentwurf zu der heute so weithin gepflegten Coolness.

Wir haben Liebe 1968 in Hamburg, Heidelberg, Straßburg und Paris aufgeführt. Zuletzt waren wir damit auch in Novi Sad. In Serbien ist nicht alles so wohltemperiert und satt wie bei uns. Trotzdem konnten wir uns über das Theater miteinander verständigen. Darin liegt das Faszinierende: Ein Abend kann total peinlich werden, aber eben auch total gut. Ein guter Regisseur ist ja nicht einer, der autoritär wie ein Feldherr alles festlegt. Stark wird es dann, wenn der Regisseur eine Situation schafft, in der Zufälle Platz haben. In London habe ich eine Aufführung mit dem Schauspieler Simon Russell Beale erlebt, einem dicken, präsenten Bühnentier, der ganz stark auch vom Kontakt mit seinem Publikum lebt. Als während der Vorstellung das Handy eines Zuschauers klingelte, reagierte Beale knapp: " Tell them we are busy. " So ein Moment öffnet ganz überraschend neue Räume.