Das Flusspferd ist gesichert wie ein Schwerverbrecher. Eisenstäbe verstärken seine Holzbox. Mit Tauen verschnürt, von Zurrbändern fixiert, steht es auf einer Rollpalette. "Aus dieser Zelle entwischt niemand. Nicht einmal so ein Muskelprotz", sagt der Tierpfleger Mori Hertzenstien und entfernt die Sichtblenden. Schnauben dringt aus dem Kisteninnern. Die 300-Kilo-Dame schubbert sich die Hinterbacken. Ihr Stummelschwanz peitscht hin und her. "Sie ist schlecht gelaunt", meint Hertzenstien, der sie seit Tel Aviv begleitet. "Dies ist ihre erste Reise."

Das Flusspferd steht in einem Flachbau im Norden des Frankfurter Flughafens. Neben Rollfeldern und Verladekränen erstreckt sich hier das weltgrößte Zwischenlager für reisendes Getier. Von der Lufthansa Cargo betrieben, steht die Station allen Fluglinien offen. "Frankfurt Animal Lounge" haben PR-Strategen das Gebilde getauft. Als wären die Tiere gestresste Geschäftsleute, die sich mit Drink und Dusche für den Weiterflug stärken.

Auch hier stehen Getränke bereit. Hertzenstien schiebt einen Schlauch in die Flusspferdkiste. Am Gitter erscheint jetzt ein Kopf: braune Augen, winzige Ohren, ein Nacken, aus Speckwülsten geformt. Das Flusspferd seufzt und hält sein Maul in den Strahl. Seit gestern lebt es in dieser Box, fern von Mutter und Badebecken. Vier Stunden flog es im Gepäckraum, neben sich Koffer, über sich die Passagiere – so ist es üblich bei wilden Tieren, die nicht höher sind als ein Mensch. "In unserem Safarizoo in Tel Aviv haben wir 45 Flusspferde. Sie sind sehr fruchtbar. Wir sind froh über jeden Zoo, der uns den Nachwuchs abnimmt", sagt Hertzenstien und braust dem acht Monate alten Jungtier den Rücken ab.

Die Animal Lounge ist eine luftige Halle mit vielen abgetrennten Räumen. An den Wänden lehnen Schaufeln und Mistgabeln. Transporter rattern über schwarzen Asphalt. Der Spezialbelag leitet Nässe ab; kein Rennpferd soll ausrutschen und sich die Sportlersehnen zerren. Einige Meter hinter dem Flusspferd stehen Pappkartons, auf Waggons gestapelt: Zwei Tonnen Angelwürmer warten auf den Flug nach Übersee. Bellen schallt durch die Gänge. Hinter Alugittern tollen braun gefleckte Bulldoggenwelpen. In den Stallgeruch der Halle mischt sich ein Hauch von Hundekot.

Seit Jahrzehnten schon ist der Frankfurter Flughafen ein Drehkreuz für Haus- und Nutztiere. Nach dem Krieg schickten amerikanische Besatzungssoldaten von hier aus Schäferhunde in die Heimat. Bald gründeten sich die ersten Tierspeditionen. Der Markt wuchs, und der Platz wurde knapp. Vor einigen Wochen öffnete die neue Tierstation ihre silbernen Tore. Auf einer Fläche, halb so groß wie ein Fußballfeld, verteilen sich 42 Großtierställe, 39 Hundezwinger und zwei Volieren. Stolz der Anlage aber sind 12 "Klimakammern", luftdicht und temperierbar. Katzen werden hier verwahrt, damit die Hunde sie nicht wittern. Oder Echsen, denen ein hessischer Hochsommer noch lange nicht warm genug ist. Oder eben Flusspferde: Ein Gabelstapler stemmt jetzt Kiste und Tier in die Höhe. Meter für Meter zuckelt er über den Asphalt und lädt die Fracht in einer Klimakammer ab. Am Abend erst wird das Flusspferd nach Ho-Chi-Minh-Stadt weiterfliegen. Hertzenstien dimmt das Deckenlicht. "Sie soll jetzt ein Nickerchen halten."

Nebenan werden schon die nächsten Kunden bedient. Ein Pfleger rollt eine Voliere voller Brieftauben in eine Klimakammer. Bei molligen 21 Grad dürfen sie nun die Flügel ausstrecken. Eine Kammer weiter steht eine Holzkiste, in die Luftlöcher gebohrt sind. "Live Spiders", informiert das Klebeschild. In einer anderen Kammer wuseln junge Stinktiere und putzen sich die Schnäuzchen. Sie warten auf die Einreise in die Niederlande, wo man ihresgleichen gern als Haustiere hält. "10 skunks, dogfood, water", steht auf den Kisten.

Ein Hai hat Anspruch auf einen Whirlpool