So aktuell die Fälle der jüngsten Tour de France sind: Epo, Testosteron und Anabolika dürften bald Schnee von gestern sein. Statt mit verbotenen Pillen und Spritzen werden Athleten künftig mit aufgepeppten Genen auf Rekordjagd gehen. Genetische Fitnessbooster, warnen die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada und das Internationale Olympische Komitee, werden das "Doping des 21. Jahrhunderts".

Das sieht auch Theodore Friedmann so. "Ob Gendoping bereits angewendet wird, weiß niemand", sagt der Direktor des Gentherapieprogramms der University of California in San Diego und Leiter des Gendoping-Ausschusses der Wada. "Aber früher oder später wird es geschehen." Womöglich laufen schon bei den Olympischen Spielen von Peking genmanipulierte Athleten in die Sportarenen ein. Zu groß scheint die Verlockung der Gene im Kampf um Gold und Geld zu sein, als dass die Sportler ihr auf Dauer widerstehen könnten. Denn Gendoping macht Spritzen und Tabletten überflüssig. Mit einer Extraportion der richtigen Gene produziert der Körper das Dopingmittel gleich selbst. Nachweisbar ist es bisher nicht, und wird es womöglich nie sein.

Ein heißer Kandidat für das erste genetische Dopingmittel der Geschichte ist das Epo-Gen. Es steuert die Produktion des Blutbildungshormons Erythropoietin und somit die Ausdauerleistung. Weitere Anwärter sind Gene für Wachstumshormone wie IGF-1 (Insuline Like Growth Factor) oder HGH (Human Growth Hormone). Sie machen Muskeln stark. Prinzipiell könnten mit Gendoping aber sämtliche im Sport relevanten Funktionen des Körpers optimiert werden. Neben Kraft und Ausdauer auch Schnelligkeit und sogar Willenskraft oder Schmerztoleranz. "Wir wissen immer mehr über die Funktionsweise der Gene und verstehen besser, wie sie die Leistungsfähigkeit beeinflussen", sagt Patrick Diel von der Deutschen Sporthochschule Köln, der als Gutachter für den Deutschen Bundestag zum Thema Gendoping arbeitet.

Die Marathon-Maus weckt die Neugier der Langstreckenläufer

Systematisch erfasst werden die genetischen Grundlagen athletischer Leistungsfähigkeit jedoch erst seit Kurzem. Sportmediziner der TU München veröffentlichten im Jahr 2000 erstmals eine Liste von rund 30 solcher Gene. Heute sind es bereits über 160 – und laufend werden weitere entdeckt. Darunter etwa ACTN3: Es erhielt den Spitznamen Speed-Gen, da es die Kraftentwicklung und Kontraktionsgeschwindigkeit der Muskelfasern beeinflusst. Theoretisch also ideales Sprinter-Doping.

Notabene ist das Wissen über diese "Sport-Gene" ein Nebenprodukt der Erforschung von Krankheiten. Weltweit versuchen Wissenschaftler daraus Gentherapien zu entwickeln, etwa gegen erblichen Muskelschwund oder Immunschwäche. Die Patienten sollen geheilt werden, indem man sie mit einer gesunden Kopie des defekten Gens versieht.

Ausgerechnet die Erforschung solch seltener Krankheiten hat Begehrlichkeiten in der Sportwelt geweckt. Denn diese Gentherapien wirken direkt auf das Blutbildungssystem und das Muskelwachstum ein. Blut und Muskel, das klingt in Sportlerohren wie Energie und Kraft. "Wir wissen, dass Forscher, die sich der Heilung von Blut- oder Muskelkrankheiten widmen, immer wieder von Personen aus dem Sportbereich kontaktiert werden", schreibt die Wada nach der dritten Gendoping-Weltkonferenz vom Juni dieses Jahres.