Das Löwenmädchen wurde mit Hypertrichosis lanuginosa geboren. Ein medizinischer Fachbegriff ist dies, so klangvoll, dass er erfunden sein könnte. Ist er aber nicht. Die Hypertrichose bezeichnet übermäßig behaarte Menschen; ihnen wachsen Haare so stark und dicht, dass man sich an ein Tierfell erinnert fühlt. In der Vergangenheit gab man diesen Menschen Beinamen aus dem Reich der Fauna, sie waren "die Affenfrau", "der Löwenmensch". Als solcher galt zum Beispiel Stephan Bibrowsky: ein Mann mit einer gewaltigen Löwenmähne, der im Schaustellergewerbe unterwegs war. Bibrowsky starb 1932 mit 42 Jahren in Italien; er wurde vergleichsweise alt für jemanden, der an der Hypertrichose erkrankt ist. Als Kind ist die kleine Tognina Gonsalvus verewigt, "das Affenmädchen". Sie lebte im Schutz europäischer Fürstenhöfe. Streng blickt sie aus einem Gemälde der Renaissance. Wie ein zarter Flaum legt sich die Behaarung um ihr Kindergesicht; die Künstlerin Lavinia Fontana verschmilzt die Haare diskret mit dem dunklen Hintergrund des Gemäldes. Der norwegische Schriftsteller Erik Fosnes Hansen hat sich erfolgreich auf die Suche nach dem absoluten Einzelfall begeben. Seine Geschichte um ein Löwenmädchen überrascht, interessiert, verführt. Und sie führt zu aufregenden Konstellationen. Denn mit seiner Protagonistin Eva kehrt Fosnes Hansen die literarische Konstruktion des Menschen unter Tieren um. Aus dem Kleinkind unter Wölfen und Affen, aus Romulus oder Mowgli, wird das Löwenmädchen unter Menschen.

Gewiss, kein Menschenfreund würde einen anderen, der ganz und gar behaart ist, als Tier bezeichnen. Da sich Menschenfreunde aber manchmal rar machen, darf der Umgang mit den Löwenmännern oder Affenmädchen als Maßstab dienen für die zivilisatorische Gestimmtheit der jeweiligen Epoche. So musste sich Lionel der Löwenmensch (Stephan Bibrowsky) auf den Brettern der Jahrmarktsbuden alle Mühe geben, möglichst grimmig zu blicken; die Zuschauer sollten sich gruseln. Tognina Gonsalvus hingegen hält ein beschriebenes Blatt Papier hoch zum Zeichen ihrer Bildung.

Erik Fosnes Hansen lässt seinen Roman in einem Schwellenjahr beginnen, nämlich 1912. Es ist das Jahr, in dem die Titanic sank. Fosnes Hansen bewegt sich auf vertrautem Boden, 1995 gelang ihm mit seinem Titanic-Roman Choral am Ende der Reise der große Durchbruch auf das internationale Parkett. Der damals noch sehr junge Autor hatte den Stoff intuitiv begriffen. Mit dem Schiff war auch die alte abendländische Ständegesellschaft versunken samt ihrer Hybris und ihrer Dekadenz; es versanken Gott, König und Vaterland; es wetterleuchtete die erste große Zivilisationskrise der Moderne. 1912 ist ein Zeitwert mit symbolischem Gehalt. Wissenschaft und Aberglaube begegnen sich in diesem Jahr wie in kaum einem anderen.

Auf den neuen Roman des Erik Fosnes Hansen bezogen, bedeutet dies, dass Deterministen und Darwinisten, Dermatologen, Geistheiler, Pfarrer, und Schausteller um die Gunst der kleinen Eva buhlen werden; sie schmähen und bestaunen, umwerben, benutzen, bekehren wollen. Kurz, ein Personal, das zu einem möglichst bunten Panorama beiträgt, viel Kurzweil garantiert und im vorliegenden Fall zu einem Salongeplauder ermuntert, in dem der Erzähler mit Aperçus und klugen Betrachtungen glänzt.

Das trifft besonders zu für den Auftakt des Romans. In einer kalten Winternacht des Jahres 1912 wird das Löwenmädchen in einer abgeschiedenen Kleinstadt in Norwegen geboren. Eine Apothekerin übernimmt Hebammendienste, der Schlitten des Doktors kommt zu spät. Die Kindsmutter ist sehr jung, sehr schön und sehr religiös. Während Kind, Blut und Lebenskräfte aus ihr heraustreten, begegnet sie Jesus. Dann stirbt sie. Ebenso unvermittelt und etwas zeitversetzt stirbt sie noch einmal, nun auch sichtbar für Arzt und Apothekerin.

All dies wird mit leichter Hand choreografiert und spricht von einem musikalischen Umgang mit Rhythmen, inneren und äußeren Erzählbewegungen. Bemerkenswert ist die Figurenführung, spröde und pragmatisch zeigt sich die Apothekerin, gewissenhaft der Doktor. Der Kindsvater, Stationsmeister Arctander, tigert vor dem Zimmer auf und ab. Er ist ein schweigsamer Mann, der pünktliche Züge und geschlossene Türen liebt. Er würdigt sein Kind keines Blickes. Dank ihrer humanistischen Gesinnung nehmen sich das Ehepaar Birgerson und der Arzt Levin des Neugeborenen an. Sie beschließen, es vor den Augen der Welt zu verbergen.

Der Leser verfolgt das Heranwachsen der Eva Arctander in drei Momentaufnahmen. Im zweiten Teil des Romans ist Eva etwa sieben Jahre alt. Der bisherige, epische, sehr getragene Erzählton verwandelt sich. Die Sätze werden einfacher und kürzer, gleichen sich der Innenperspektive des Kindes an. Eva wächst in einem Zimmer über der Bahnstation auf, sie ist Gefangene an einem Ort, der paradoxerweise der öffentlichste der Kleinstadt ist. Die ein- und auslaufenden Züge unter Evas Fenster sind das Tor zur Welt. Ein einziger Auftritt in der Öffentlichkeit wird zum Schockerlebnis und legitimiert so die Entscheidung des Vaters. Der zeigt sich des Öfteren autoritär. Ist Eva ungehorsam, so sperrt er sie in eine dunkle Kammer ein. Dort zählt sie und rechnet, es erscheinen ihr leuchtende Zahlen in verschiedenen Positionen. Eva Arctander, das Mädchen mit der höchst merkwürdigen Physis, ist hochbegabt und damit auf doppelte Weise ausgeschlossen aus der menschlichen Gemeinschaft. Sie kann rechnen und singen, sie erlernt den Morsecode der Funker im Stationsgebäude im Flug, sie zeichnet komplizierte Bilder von Bahnhofsapparaturen und Lokomotiven. Fast auf beiläufige Art wachsen so poetische Miniaturen. Sie entstehen in der ständigen Bewegung zwischen innen und außen, Wissenschaft und Aberglaube, Ratio und Emotion. Auch im Großen bewegt sich dieser Roman. Er beginnt im epischen Gestus des 19. Jahrhunderts, wandelt sich dann zum Bewusstseinsroman. Immer deutlicher werden die überragende Intelligenz, der Eigensinn des Mädchens Eva.