Liu Xiang ist verschwunden. Man bekommt den berühmtesten chinesischen Sportler vor den Olympischen Spielen nicht mehr zu Gesicht, er wird behütet und beschützt wie ein Staatsschatz. Denn Liu soll am 21. August im Pekinger Olympiastadion eine Goldmedaille holen. Er soll? Er muss! Es sieht so aus, als hänge die Gemütslage von 1,3 Milliarden Chinesen davon ab, dass ein 25-Jähriger das tut, was er am besten kann: unglaublich schnell über Hürden laufen. Um Tickets für seine Wettkämpfe zu ergattern, reisten Fans aus weit entfernten Provinzen an und warteten drei Tage und Nächte lang vor dem Kassenschalter.

Ich bin Liu einmal begegnet, diesem Superstar, der nicht auf die Straße gehen kann, ohne von Bewunderern bedrängt zu werden. Ich traf ihn in einer abgeschirmten Trainingshalle in Peking, wo er für die Zeitschrift Sports Illustrated fotografiert wurde. Er ist ein Mann mit kantigem Gesicht und verschmitztem Lächeln, sehr höflich und redegewandt. Der Fotograf, ein Amerikaner, war erleichtert: "Er ist ja gar nicht so kompliziert, wie ich dachte." Liu wirkte auf mich wie ein Profi ohne Allüren, aber auch nicht wirklich greifbar.

Der Hürdenläufer Liu Xiang ist in China überall präsent. Er wirbt für Nike, Coca-Cola und China Mobile, und er ist für viele das Sinnbild eines Lands, das vor Selbstbewusstsein und Zukunftsgewissheit strotzt. Als das olympische Feuer im März in Peking eintraf, nahm er es auf dem Tiananmen-Platz aus der Hand von Präsident Hu Jintao entgegen. In den Träumen der Nation wird Liu bei jenem Wettkampf im August über die Laufbahn fliegen wie kein anderer, 110 Meter in gut zwölf Sekunden, über zehn Hürden von mehr als einem Meter Höhe, in je neun Meter Abstand. Liu ist berühmt für seine Anmut, die Leichtigkeit seines Laufs, und das Land sieht sich mit ihm vorwärtsstürmen, unaufhaltsam über alle Hindernisse hinweg.

Sport ist eine Droge, die uns Chinesen noch mehr in Rausch versetzt als andere Völker. Wir haben diesen Rausch zu lange entbehrt. Noch Ende der siebziger Jahre waren wir ein rückständiges, isoliertes Land. Erst 1984 nahmen wir zum ersten Mal an Olympischen Spielen teil, in Los Angeles. Wir holten auf Anhieb 15 Goldmedaillen, ein Riesenerfolg. Bereits vier Jahre zuvor hatten wir die Volleyballmannschaft der Frauen bejubelt, weil sie den Weltmeistertitel geholt hatte. Waren wir stolz! Bis heute hat China 112 Mal olympisches Gold errungen. Trotzdem fühlen wir uns noch schwach. Wir haben zu kurze Beine, fürchten wir. Wir sind zu dünn im Vergleich zu den Europäern, Amerikanern, Afrikanern. Und bewährt haben wir uns bisher nur in Sportarten, die anderswo als kurios gelten, wie Turnen, Volleyball, Tischtennis. In der Leichtathletik, wo die meisten Medaillen zu holen sind, haben wir versagt. Bis Liu Xiang kam. Er betrat die Bühne im Jahr 2004, als unser wirtschaftlicher Erfolg neue Höhepunkte erreichte. Unser Stolz wünschte sich ein Objekt, an dem er ausgelebt werden konnte wie unerfüllte Liebe.

Mehr als 300 Millionen Chinesen sahen im Fernsehen, wie Liu Xiang für China die erste Goldmedaille in der Leichtathletik überhaupt gewann: Bei den Olympischen Spielen in Athen lief er nach sensationellen 12,91 Sekunden über die Ziellinie. Bis dahin war er praktisch ein Unbekannter gewesen. Jetzt ist er ein Nationalheld, ein Symbol Chinas wie der Pandabär.

Selbst wenn die Beamten des Sportministeriums nun die Erwartungen dämpfen und behaupten, China wolle gar nicht unbedingt die Nummer 1 auf dem Medaillenspiegel werden – viele Chinesen erwarten genau das. China hat sich zur Weltmacht aufgeschwungen, als Nächstes möchte es im Sport die USA einholen. Liu hat vorgeführt, dass es möglich ist. Er hat im Selbstbild der Chinesen eine Leerstelle ausgefüllt. Nach seinem Sieg in Athen war er sich dessen sofort bewusst. "Ich möchte eines eurer Vorurteile korrigieren", sagte er. "Glaubt bitte nicht, dass Chinesen oder überhaupt Asiaten im Kurzstreckenlauf nicht so gut sein können wie Europäer oder Amerikaner."

Liu Xiang ist in Shanghai geboren, wie viele andere erfolgreiche Athleten. Auch der Hochspringer Zhu Jianhua stammt von dort, er holte als erster chinesischer Leichtathlet eine Medaille, Bronze in Los Angeles. Oder wie Yao Ming von den Houston Rockets in der amerikanischen Basketball-Liga, er ist in China ebenfalls ein Superstar.