Angeblich können Menschen meines Alters sich nicht mehr verändern. Ich schon. Ich habe zum Beispiel meinen Architekturgeschmack geändert. Noch vor drei Jahren fand ich moderne Architektur ausnahmslos scheußlich und war ein Anhänger der konservativen Architekturtheorie von Prinz Charles. Inzwischen kann ich kubusförmigen Häusern und schmucklosen Fassaden etwas abgewinnen, es muss nicht unbedingt überall Stuck dran sein. Eine Sache aber tun die modernen Städteplaner und Architekten auf eine so provozierende Weise, dass ich es übel nehme.

In Duisburg musste ich an einer Veranstaltung teilnehmen, dem Weg vom Bahnhof zum Theater ging ich zu Fuß. Die Straße mündete in einen Platz, auf der anderen Seite des Platzes ging die Straße weiter. Statt geradeaus weiterzulaufen, von Punkt A nach Punkt B, über den Platz, sollte man einen weiten Bogen gehen, denn in der Platzmitte befand sich eine schmückende Parkanlage, Betreten verboten. Die Menschen, die vor mir vom Bahnhof zum Theater gegangen waren, hatten aber quer durch die Anlage einen Trampelpfad angelegt, den auch ich benutzt habe. Es liegt nämlich in der Natur des Menschen, auf dem Weg von A nach B den kürzesten Weg zu wählen und nicht einen Umweg zu machen, nur weil ein Stadtplaner eine Idee hatte. Man hat es auch manchmal eilig. Die Parkanlage, könnte man einwenden, erfreut durch ihren Anblick das Auge des Passanten. Ich möchte aber nicht zwangsbeglückt werden, ich möchte von A nach B und halte dies für legitim. Wer Anlagen baut, soll sie so bauen, dass sie nicht im Weg sind. Ich habe vergessen, wie der Platz heißt, es ist aber auch egal, solche Plätze sind überall.

Inzwischen bin ich sensibilisiert und sehe ständig Umwege, zu denen Städteplaner und Architekten mich zwingen wollen, aus rein ästhetischen Gründen. Warum ist bei der Galerie der Gegenwart in der Hamburger Kunsthalle der Eingang versteckt an der Seite und nicht vorn, direkt an der Straße, wo er hingehört? Das ist doch das Gleiche wie Stuck oder wie Ornamente, da folgt die Form doch nicht der Funktion. Ich bin kein Ornament, ich gehe immer geradeaus, direktemang durch die Steppen der Städte. Ich bin der weiße Massai.

Oder man will mich schützen, die Stadt ist voller Zäune und Schutzwälle. In Berlin-Weißensee gibt es einen gleichnamigen Badesee, davor verläuft eine Straße mit Straßenbahnschienen. Wenn ich über die Straße zu dem See will, soll ich mit vollem Badegepäck einen halben Kilometer zu einer Ampel marschieren, die Schienen sind mit einem Zaun gesichert. Alle zehn Minuten rumpelt da eine Straßenbahn vorbei. Alles, was man tun muss, um sicher auf die andere Seite zu kommen, ist zu schauen, ob eine Straßenbahn kommt. Das könnte man sogar einem Schimpansen beibringen. Inzwischen gibt es Städte, in denen man Ampeln und Verkehrszeichen abgeschafft hat, stattdessen sollen die Leute aufpassen. Die Zahl der Unfälle ist gesunken.

Ich bin über den Zaun geklettert, um zu dem See zu gelangen, damit habe ich mir meine gute Hose zerrissen, aber das ist mir egal. Inzwischen habe ich erfahren, dass es sogar schon eine Subkultur gibt, die in den Städten auf dem kürzesten Weg von A nach B wandert, als Wettbewerb und Funsport, über Mauern und Zäune hinweg. Das sind Revolutionäre, die das Land modernisieren, ähnlich wie einst die 68er. Jeder Trampelpfad ist eine Protestresolution, jeder umgeworfene Zaun ein Schrei nach Freiheit. Wenn man die Umwege abschafft, gewinnt Deutschland Millionen von Stunden, für love, peace and happyness. Dies ist die Lehre des weißen Massai.

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