Bis Mai 1945 hatten sie Krieg geführt, zuletzt in der Steiermark die Front verteidigt. Von vorn kamen die Russen, von hinten die Briten, und mittendrin stand Philipp Freiherr von Boeselagers Kavallerie-Regiment. Boeselager entledigte sich der Zyankali-Kapsel, die er seit Jahren bei sich trug, und fuhr dem britischen Kommandanten entgegen: "Die Begegnung war freundlich. Wir boten uns gegenseitig Zigaretten an." Ebenso zivil wie die Begrüßung gestaltete sich die nachfolgende Internierung. Der Freiherr ging auf die Jagd, veranstaltete mit seinen Männern römische Wagenrennen und führte den Raub der Sabinerinnen auf – "in historischen Kostümen". So endete Hitlers Vernichtungskrieg für Philipp Freiherr von Boeselager in einer nahezu grotesken Idylle.

Am Himmelfahrtstag 2008 ist Philipp von Boeselager gestorben, im Alter von neunzig Jahren. Bis zuletzt hat er als Zeitzeuge Interviews gegeben und Schulklassen besucht, denen er als Randfigur des gescheiterten Hitler-Attentats Rede und Antwort stand. Wir wollten Hitler töten ist sein Vermächtnis, seine in Buchform gegossene Erinnerung an den Krieg und jene Männer, die den Diktator mehrmals erfolglos zu beseitigen suchten. Im Rahmen der "Operation Walküre" war Boeselager 1944 dazu ausersehen, mit sechs Kavallerie-Schwadronen Teile des Berliner Reichssicherheitshauptamts und das Propagandaministerium zu besetzen. Bei Nacht und Nebel hatte er seine Reiter samt ihren Pferden bereits aus der Ostfront herausgezogen, als ihn am Nachmittag des 20. Juli die Botschaft erreichte: "Alles in die alten Löcher!" Was so viel hieß wie: Anschlag gescheitert, Spuren verwischen! Dass er die folgenden Tage, Wochen und Monate überlebte, verdankte der Offizier dem Schweigen der gefassten Mitverschwörer, die seinen Namen selbst unter der Folter nicht preisgaben.

Die Fakten, die Umstände und die Chronologie der Ereignisse sind längst bekannt und erlauben es, historische Unschärfen zu korrigieren, etwa Boeselagers ausweichende Auskünfte zum Kommissarbefehl und dem Treiben der Einsatzgruppen im Rücken der Front. Den Reiz des Buches macht etwas anderes aus: die Schilderung einer versunkenen Welt, die uns entrückt ist wie ein ethnografisch entlegenes Forschungsgebiet. Die religiöse Verwurzelung, die Liebe zu Jagd und Abenteuer, den militärischen Corpsgeist der deutschen Offizierskaste und ihre Faszination für die Kunst der Kriegsführung – all das beschwören Boeselagers Erinnerungen herauf und verdichten es zu einem Zeitporträt, das die Köpfe des Widerstands in ihren weltanschaulichen Verstrickungen abbildet. "Im Grunde", so beschreibt Boeselager nicht nur sein eigenes Dilemma, "war es doch Verrat."

Gegen SS-Granden wie Erich von dem Bach-Zelewski – "ein Geschöpf des Teufels" – stellt Boeselager "die Seele" der militärischen Konspiration, Henning von Tresckow, dem das Buch einen letzten Lorbeerkranz flicht. Während jüngere Zeithistoriker die Motive des Generalmajors seit geraumer Zeit in Zweifel ziehen – nicht das Massenmorden im Osten, sondern militärischer Defätismus soll von Tresckow zum Losschlagen bewogen haben – und ihre Vorwürfe jüngst dem Fernsehpublikum vorgesetzt haben, ruft Boeselager die geschichtliche Wirklichkeit ins Gedächtnis, in der die Männer des Widerstands agierten. Wer historische Akteure an eigenen Maßstäben und späteren Einsichten misst, statt sie in den Widersprüchen ihrer Zeit zu verorten, mag sich als moralischer Besserwisser profilieren. Für das Verständnis des "Dritten Reiches" und seiner militärischen Elite ist das, was Philipp von Boeselager hinterlässt, ein beredteres Zeugnis.
Dorion Weickmann