Wir betreten heute Abend, meine Damen und Herren, einen Roman der Weltliteratur, Dünndruckgebiet, Dostojewskis Verbrechen und Strafe liegt vor uns, 700 Seiten, eng bedruckt, beeilen wir uns also!

So könnte Andrea Breth sprechen, wenn sie eine Expeditionsleiterin wäre und keine Regisseurin. Sie hat Verbrechen und Strafe auf die Bühne gebracht, aber sie macht den Roman nicht bewohnbar. Sie erforscht ihn wie einen unwirtlichen Himmelskörper. Es gibt auf ihm kein natürliches Licht, es herrscht die Schwärze des Alls.

Andrea Breth will von hier demonstrativ schnell wieder weg, aber zuvor muss sie einen Grund finden, der die Reise legitimiert; sie erzählt die Geschichte des Mörders Raskolnikow in Abkürzungen und Raffungen: Blackout, blitzschnelle Szenenwechsel, harte Schnitte – Szenen werden voneinander getrennt wie durch die Schwünge einer unsichtbaren Sichel, man spürt einen Hauch von Schafott & Guillotine. Hier werden Schneisen geschlagen, hier wird ein Dickicht gerodet, denn es gilt, sich durchzuschlagen zum Mittelpunkt, zum Kern des Romans. Dieser Kern ist ein Mord, genauer, es ist die Frage: Warum mordet Raskolnikow?

Dies ist die Inszenierungsgeste: die ruhelose Suche, das Durchstöbern der Nacht. In fiebrigen Diagonalen wird der Stoff durcheilt. Bisweilen aber lässt die Expeditionsleiterin ihre Lasttiere auf einer schwarzen Lichtung scheinbar absichtslos grasen und spielt seitenlang "Roman", als wolle sie in Wahrheit von hier nie wieder weg, als wolle sie sich in Verbrechen und Strafe dauerhaft verlieren.

Es scheint dann, als wolle sie gar nicht herausfinden, warum dieser eine, Raskolnikow, nun mordet. Viel mehr scheint sie das Mysterium zu verblüffen, dass all die anderen nicht morden. Sie ist ganz auf Raskolnikows Seite. Sie inszeniert seine inneren Zustände.

In Andrea Breths Verbrechen und Strafe, das soeben die Salzburger Festspiele eröffnet hat, herrscht eine enorme Unwirtlichkeitsgemütlichkeit: Man ist in einer Hölle, aber man hat nichts mehr zu fürchten.

Plastiktüten blähen sich am Boden, endzeitliche Varianten jenes Wüstenkrautes, das in Wildwestfilmen über die Ebenen rollt und Tumbleweed heißt. Und die Menschen sprechen mit dem Hall derer, die schon gestorben sind.