Sein letztes großes Ziel hat er nicht mehr erreicht, obwohl er sehr gesundheitsbewusst lebte, nie rauchte oder trank und auch im hohen Alter noch auf dem Hometrainer saß. Aber dann fand sein hundertster Geburtstag doch ohne ihn statt, weil er sich ein paar Monate früher für immer aus dem Staub gemacht hatte. An seinem Ruf als "Kronzeuge des Jahrhunderts", wie man ihn gern nannte, hat das nichts mehr geändert. Denn das war er für das Publikum schon zu Lebzeiten, was ihn selber oft verwunderte – vor allem, dass man ihn nie vergessen hat, ihn auch nach seinem Abschied von der öffentlichen Bühne noch verehrte. "Weshalb wandte die Welt gerade meinem Leben so viel Aufmerksamkeit zu?", fragte er sich und gab eine bescheiden klingende Antwort: "…das verdanke ich wohl mehr der Zeit als mir selbst".

Zudem war er wohl einfach aus dem Stoff gemacht, aus dem Helden sind. Dazu gehört als elementares Gesetz, dass sich einer von ganz unten nach ganz oben kämpfen muss, mit eisernem Willen. Du hast keine Chance, also nutze sie – der älteste Sohn eines Steuermannes lernte früh, wie das geht. Als zehnjähriger Schüler verdiente er sein Taschengeld als Kurier einer Apotheke, als 13-Jähriger sammelte er Kippen und drehte aus den Tabakkrümeln "Lullen", die er an Tagelöhner verkaufte. Und schon mit 16, nach einer abgebrochenen kaufmännischen Lehre, wusste er sicher, was er einmal werden wollte. Fünf Jahre später stopft er seine paar Klamotten in einen Pappkarton und zieht in die Stadt, in der sich damals sammelt, was berühmt werden will. Und er hat Glück, bekommt endlich Zutritt zu den Kreisen, die sein Talent sehen, es unterstützen und fördern.

Von nun an ging es mit seiner Karriere schlagartig nach ganz oben. Und auch privat machte er sein Glück und eroberte das Herz seiner großen (und vermutlich einzigen) Liebe. Die Ehe hielt 54 Jahre bis zum Tod seiner Frau, und sie soll immer glücklich gewesen sein. Vielleicht auch, weil er ein Mensch war, der extrem nach Harmonie strebte. Das zumindest sagte seine Privatsekretärin über ihn, und die musste es wissen, war sie doch ähnlich lange an seiner Seite gewesen wie die Ehefrau.

Und die dunklen Flecken auf seiner weißen Weste? Die Abgründe, die heimlich verborgenen? Sofern es sie überhaupt gab, wusste er sie gut zu tarnen, so seine aktive Leidenschaft für die Jagd, die – wäre sie bekannt geworden – wohl ein paar Kratzer am Image bewirkt hätte. Das Töten von wehrlosen Tieren mit einer Flinte gilt nun mal nicht als Heldentat. Kaum einer wusste auch, dass er als ganz junger Mann den Unfalltod seiner kleinen Schwester mit verursacht hatte. Mag sein, er hat das traumatische Erlebnis später damit kompensiert, dass er alles daransetzte, einmal Gewonnenes mit allen Mitteln zu bewahren – und auch auf die Gefahr hin, mit den falschen Leuten an einem Strang zu ziehen. Wer war’s?

Frauke Döhring

Lösung aus Nr. 31:
An Hans Sachs (1494 bis 1576) scheiden sich die Geister: Nannte Heine ihn einen "pedantischen Hanswurst", sahen Goethe und die Romantiker ihn als den deutschen Meister, der zur Gestalt in den "Meistersingern" wurde. Wegen einer gegen den Papst gerichteten Schrift ermahnten ihn die Behörden, bei seinem Beruf als Schuster zu bleiben. Er dichtete unverdrossen weiter, wobei er Kritisches allegorisch verbrämte