Eine Woche noch, dann denkt die Welt wieder in Sekunden, Metern, Punkten. Sechzehn Tage lang werden Tausende Kameras die Athleten fixieren, die laufend, schwimmend oder springend die Grenzen des Menschenmöglichen austesten. Der Zuschauer wird viel sehen – und wenig verstehen. Warum machen die Athleten das? Worauf kommt es in ihrer Sportart wirklich an? Was treibt sie an? Das Fernsehen macht die Sportler klein und lässt das fast Unmögliche, das sie leisten, nahezu selbstverständlich erscheinen.

Um zu verstehen, was Olympia wirklich für einen Sportler bedeutet, haben wir drei von 450 deutschen Athleten ausgewählt und sie mehr als ein halbes Jahr lang begleitet – sie gehören jeweils zu den Besten ihrer Sportart und haben, wenn es gut läuft, Chancen auf Medaillen: die Schwimmerin Britta Steffen, die vor allem gegen die eigenen Versagensängste ankämpft. Den Tischtennisspieler Timo Boll, dessen Sportart bei diesen Olympischen Spielen so wichtig sein wird wie noch bei keinen Spielen zuvor. Und den Zehnkämpfer André Niklaus, dessen Disziplin als die königliche gilt, in Wirklichkeit jedoch kaum beachtet wird.

Wenn die drei es tatsächlich nach Peking schaffen, werden sie endlich im Fokus stehen, so viel Beachtung bekommen wie sonst nur Fußballer. Sie sind Getriebene auf der Hatz nach einem Glück, das nur Sekunden dauern wird.

Vor ihm zittern 1,3 Milliarden Chinesen: Timo Boll © Andreas Rentz/Bongarts/Getty Images

Berlin, sieht man, wie breit ihre Schultern, die man aus dem Fernsehen kennt, wirklich sind. Fünf Kilometer ist sie seit heute Morgen um halb acht geschwommen, in zwei Stunden. "Normal geht das in anderthalb, aber es waren immer nur 50-Meter-Intervalle, ohne Beine." Das ist ein Bruchteil dessen, was sie sich antut, um ihren Selbstzweifeln davonzuschwimmen.

15. Januar 2008, noch 207 Tage bis zur Eröffnung. Wer Olympiasieger werden will, denkt man sich, ist zielstrebig, diszipliniert und nervenstark. Dann trifft man Britta Steffen, 24 Jahre alt. "Ich bin ein Psycho", sagt sie. "Ich war schon abgeschrieben als Gehirnprinz, der sich mit zu viel Denken die Schwimmerei kaputtmacht und immer im entscheidenden Moment scheitert." Die Arme hat sie auf der Tischplatte aufgestützt, als wolle sie gleich fingerhakeln, und erst hier, außerhalb des Wassers, in einem Mehrzweckraum der Schwimmhalle am Olympiastützpunkt

Denn jetzt, in diesem Jahr, bei diesen Olympischen Spielen, soll alles noch einmal so werden wie damals, am 2. August 2006. Da schwamm sie Weltrekord, 100 Meter Freistil in 53,30 Sekunden. Nach zwei Dritteln der Strecke liegt sie schon eine halbe Länge vorn, der Rest ist ein einziges Fliegen. Eine Genugtuung für all die Niederlagen und Rückschläge, die Pleiten bei Olympia 2000 und 2004. Es wird der lang erwartete Moment, in dem sie aus dem Schatten Franzis heraustritt, Franziska van Almsicks, der deutschen Jahrhundertschwimmerin. Endlich erbringt sie den Beweis, dass sie mehr ist als nur das Talent, das als Juniorin achtmal Europameisterin wird, danach aber nicht mehr gewinnen kann.