Kreatives Chaos sieht anders aus. Das Büro von Erwin Wagner wirkt so organisiert und aufgeräumt wie eine neu übernommene Anwaltskanzlei: Dicke, in Leder gebundene Bücher stehen aufrecht in den Regalen, der Schreibtisch ist fast leer. Die sonst bei Forschern allgegenwärtigen wackeligen Manuskriptstapel auf Tischen und hinter Türen fehlen dagegen völlig. »Der Großteil meiner Unterlagen ist bereits in Madrid«, sagt Wagner. Der Biochemiker und Gentechnikpionier kehrt Österreich den Rücken, um in der spanischen Hauptstadt das zu tun, was in seiner Heimat kaum möglich war: frei zu forschen. Im renommierten Nationalen Zentrum für Krebsforschung übernimmt er den Posten des Programmleiters. In den nächsten Jahren sollen dort unter seiner Führung an die 80 Wissenschafter versuchen, die Geheimnisse von Krebszellen zu entschlüsseln. 120 seiner Wiener Labormäuse sind ihm bereits per Luftfracht vorausgereist. In Spanien werden sie auf rund 5000 Exemplare vermehrt.

Seit 25 Jahren arbeitet Wagner mit genmanipulierten Mäusen und ihren Stammzellen. Er beschäftigt sich mit der Frage, welche Gene das Wachstum und die Teilung der Zellen regulieren. Sein Ziel: jene krankhafte Zellwucherung zu stoppen, an der 22 Millionen Menschen weltweit leiden. Nun, nach einem Vierteljahrhundert, in dem er die Grundlagen an Mäusen erforscht hat, will er erste Schritte in Richtung einer neuen Krebstherapie beim Mensch gehen. »Vielleicht liegt es an meinem Alter«, sagt der 57-Jährige. »Wenn man älter wird, denkt man eher daran, dass das Ganze ja auch einen Sinn haben muss.«

Für Österreich ist Wagners Abgang ein schwerer Verlust. Er hat an den besten Instituten in Europa und in den USA gearbeitet, auch mit dem späteren Medizin-Nobelpreisträger Richard Axel. 1996 gewann er mit dem Wittgensteinpreis die höchste Auszeichnung des Landes und veröffentlichte bis heute rekordverdächtige 250 wissenschaftliche Artikel. Nebenbei kümmerte er sich als Universitätsprofessor um den wissenschaftlichen Nachwuchs.

Dass Wagner ausgerechnet auf dem Gipfel seiner Forscherkarriere auswandert, ist kein Zufall. Österreich interessiert sich kaum für seine Spitzenforscher. Aufgrund der unbeweglichen Strukturen an den Universitäten, in denen Studenten erst spät selbst gewählte Fragestellungen bearbeiten können, bleibt auch der Nachwuchs auf der Strecke. Fazit: miese Arbeitsbedingungen für kluge Köpfe.

Die Folge ist ein seit Jahrzehnten nicht anhaltender Braindrain. Hoch qualifizierte Wissenschafter verlassen reihenweise das Land. Die wenigen Forscher, die einwandern, können den Verlust bei Weitem nicht ausgleichen. »Die Bilanz stimmt nicht«, klagte bereits vor einiger Zeit der Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Peter Schuster.

Dabei versucht Österreich das seit Jahren zu ändern: höhere Gehälter für Universitätslehrer und rasant steigende Forschungsausgaben, zuletzt 6,83 Milliarden Euro pro Jahr. Das ist doppelt so viel wie noch vor zehn Jahren. Viel investiert wird auch in ein Prestigeprojekt in Maria Gugging bei Klosterneuburg, das sich derzeit noch im Aufbau befindet. In das Exzellenzzentrum für Naturwissenschaften namens Institute of Science and Technology Austria (ISTA) sollen bis 2016 mehr als 500 Millionen Euro fließen.

Wachstum und Wohlstand sind eine Frage der Forschung