Wien

Kurt Schmidt hat gelernt, die schleichende Auszehrung zu akzeptieren. Wie eine unheilbare Krankheit, deren Fortgang der Bezirkspolitiker nicht aufhalten kann. Wahlbezirk Wien-Floridsdorf, Sprengel 123: acht Stiegen, 204 Wohnungen und rund 600 Bewohner. Und die größte Dichte an FPÖ-Wählern in der ganzen Stadt. Bei den Nationalratswahlen vor zwei Jahren stimmten 35 Prozent für die Freiheitlichen, nur fünf Prozent weniger als für die Sozialdemokraten. Nirgendwo sonst sind die Blauen den Roten in Wien so dicht auf den Fersen wie in diesem Wohnblock jenseits der Donau an der Brünner Straße 140. Ausgerechnet in einem Arbeiterbezirk, ausgerechnet in einem Gemeindebau.

Tiefblaue Flecken gibt es überall, in Favoriten, in Simmering und auch in der Donaustadt. Bald könnte die Aufschrift »Erbaut von der Gemeinde Wien« das Einzige sein, das in manchen Gemeindebauten noch rot ist. Seit den neunziger Jahren verliert die SPÖ ihre Stammwähler kontinuierlich an die FPÖ, vom Karl Marx- bis zum Lasalle-Hof. Das konnte auch Werner Faymann, der damals noch als Wohnbaustadtrat wirkte und in dessen Verantwortung die Gemeindebauten fielen, nicht verhindern. Jetzt muss er als Kanzlerkandidat dorthin zurückkehren und erklären, dass er keine Ausländerghettos geschaffen und die SPÖ alles unter Kontrolle habe. Der Kampf um die roten Hochburgen könnte im Herbst knapp werden. Dort werden die nächsten Wahlen entschieden.

»Ich fürchte, wir werden nichts dazugewinnen«, sagt Kurt Schmidt vorsichtig, und es klingt wie eine Kapitulation. Der 55-jährige Grafiker ist SPÖ-Bezirksrat in Floridsdorf. Das blaue Nest liegt mitten in seiner Sektion, dem Heinz Nittel-Hof, einer Anlage mit insgesamt 1422 Wohnungen und 3550 Bewohnern.

Vor zwölf Jahren ist die SPÖ aus dem Gemeindebau ausgezogen

Man könnte meinen, die Menschen hausten hier in Bruchbuden, um die sich die Stadt Wien seit ihrer Errichtung in den Achtzigern nicht mehr gekümmert habe: Wohnungen, die schimmeln, Kinder, die an die Wände urinieren, und Halbstarke, die alles mit Parolen beschmieren. Nichts von alldem. Mit Neid blicken die Nachbarn aus der Umgebung auf die siebenstöckigen weißen Terrassenbauten, umgeben von Spielplätzen und Sportkäfigen, in denen Jugendliche Basketball üben. An den Stammtischen der umliegenden Gasthäusern prahlen die Gäste gerne damit, jemanden aus dem Nittel-Hof zu kennen und bereits Zutritt zu dem exklusiven Gemeindebau gehabt zu haben. Dort, wo jeder Mieter im hauseigenen Pool auf dem Dach schwimmen gehen und danach die Sauna, den Fitness- oder den Hobbyraum benutzen kann, wenn er noch Lust auf eine Partie Billard empfindet. Wer hier wohnt, muss noch nicht einmal das Haus verlassen, um seinen Müll hinauszubringen. Dafür gibt es in jeder Etage eine eigene Müllklappe. Der Nittel-Hof ist die moderne Interpretation eines Palastbaus für das Proletariat.

Bei den Nationalratswahlen 2006 wählten immerhin 45 Prozent der Bewohner die SPÖ, gerade einmal 20 Prozent die FPÖ. Eigentlich müsste sich Bezirksrat Schmidt keine Sorgen um seinen Gemeindebau machen, rot ist er noch allemal. Wäre da nicht dieser Block an der Brünner Straße. »Wir haben versucht, es zu analysieren, aber wir sind einfach nicht dahintergekommen, was es ist«, sagt Schmidt und seufzt. Vielleicht gibt es in diesem Block mehr Ausländer, vielleicht sind die Bewohner auch nur unzufrieden, weil es so laut ist. Immerhin liegen ihre Wohnungen direkt an der Straße, wo Autos und Straßenbahnen vorbeifahren. Vielleicht stört sie aber auch die Kundschaft der McDonald’s-Filale wenige Meter entfernt. Alles Vermutungen. Fest steht: Es fehlen nur mehr zehn Stimmen, und der Sprengel ist blau. Und das in einem Vorzeigebau, benannt nach einem Nationalratsabgeordneten aus den eigenen Reihen.