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Vor einer langen, langen Zeit – im Jahr 1993 – legte ich in einem Kasseler Club House- und Techno-Platten auf, als mich ein tanzender Knabe fragte, wie alt ich sei. Ich antwortete damals wahrheitsgemäß: "29." "Boah!", sagte er staunend, "Also wenn ich mal so alt bin, will ich aber auch noch so gut drauf sein!"

Hätte ich damals gewusst, dass ich 15 Jahre später immer noch öffentlich Platten spielen würde, ich hätte bestimmt auch "Boah!" gesagt. Erst recht, wenn mir klar gewesen wäre, dass ich dies nicht nur an den üblichen Orten, sprich: House- und Technoclubs tun würde, sondern immer häufiger bei fünfzigsten Geburtstagen. Jedes Jahr werden sie mehr, diese Festivitäten aus privatem Anlass. Allein vier waren es in den letzten zwölf Monaten, dazu noch ein 68er. Der letzte Fünfzigste war der Geburtstag von Heike, einer Yogalehrerin.

Die Location: kein Club, sondern ein Hotel im internationalen Lounge-Stil. Das Publikum: keine notorischen Clubgänger (höchstens ehemalige), sondern Leute aus der Kulturszene, aus Kunst, Literatur, Film und Journalismus. Manche von ihnen waren inzwischen arriviert und lebten entgegen den bohemistischen Ansätzen ihrer früheren Jahre mit Familie und Kindern – oder sie waren darüber bereits hinaus. So wie Heike, die sich nach einer Karriere als Unternehmensberaterin erst spät bei Yoga selbst gefunden hatte. Gerade deswegen war es ihr eine Herzenssache, zu dem bedeutsamen Anlass ihres runden Geburtstages einen DJ wie mich zu buchen, dem der subkulturelle Stallgeruch des avancierten House anhaftet, der aber auch die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Popmusik in einem verwegenen Stilmix auf die Tanzfläche zu bringen vermag. Heike hatte sich das extra so erbeten, vermutlich der Selbstvergewisserung wegen, immer noch dabei zu sein.

Die Tanzfläche ist ein guter Ort, um zu verstehen, wie sich das Publikum verändert hat – und mit ihm die Popkultur. Anschaulich zeigt sich hier, wie es um die 50-Jährigen von heute bestellt ist, Leute mit einem Interesse an Musik, das von den Anfängen als Teenager durch die Zeit des Erwachsenwerdens hindurch bis zum heutigen Tag von Madonna, Prince und Michael Jackson begleitet wurde. Sie sind die erste Generation, deren popkulturelles Selbstverständnis sich nicht mehr an der ideologisierten Musik der 68er orientierte, sondern von der Durchsetzung von Pop als einer anhaltenden Lust am immer Neuen, Schicken und Jungen bestimmt war. Im Laufe der Jahre ist in der Selbstwahrnehmung nur ein bisschen Geld und Verantwortung dazugekommen, ansonsten hat man sich von den Werten der eigenen Jugend nie entfernt. Es ist genau wie bei Madonna, der berühmtesten Eintänzerin der Welt, die am Samstag nächster Woche ihren Fünfzigsten feiern wird, als wäre es ihr Fünfundzwanzigster: "Hey Mr. DJ, put a record on, I wanna dance with my baby!"

Madonna, aber auch Prince und Michael Jackson, die ebenfalls in diesen Tagen fünfzig Jahre alt werden (oder es schon geworden sind), sind für diese Generation das, was für die Babyboomer die Rolling Stones, die Beatles oder Bob Dylan waren: Identifikationsfiguren, die sie über die Unterschiedlichkeit ihrer eingeschlagenen Berufswege hinweg verbinden. Wenn ihre Platten laufen, erinnert man sich gemeinsam an das, was man teilt. Dass Biegsamkeit und Elan beim Tanzen auch nicht mehr das sind, was sie einmal waren, ist nicht so schlimm. Es sieht ja nur der DJ.

Manche der heute 50-Jährigen haben in ihrer Jugend noch Punk mitgemacht, den letzten Aufstand gegen die Auswüchse der Hippie-Kultur, ohne den sich auch eine Madonna kaum denken lässt. Andere stießen in den Achtzigern dazu, als sich erstmals ein Bewusstsein dafür entwickelte, in einer lustigen Welt der Popzitate zu leben. Jeder hat auf seine Weise den Aufstieg des Disco-Hedonismus mitvollzogen, der die Vorherrschaft des Rock ’n’ Roll infrage stellte und in den Neunzigern mit Techno und House aktuell blieb. Da hörte ich zwar damit auf, mir Remixe der drei zu besorgen – für das hochenergetisch feiernde Publikum dieser Zeit waren ihre neuen Werke nicht mehr relevant. Im Rückblick jedoch haben Madonna, Prince und Michael Jackson nicht nur zwei Jahrzehnte Popkultur dominiert, sie weigern sich bis heute, ihre Position als geschäftsführende Superstars abzugeben – besonders erfolgreich Madonna, wenn auch mit enormer Kraftanstrengung.

Vom Standpunkt des Plattenauflegers hat das seine Vorteile. Während die Popkultur inzwischen dazu tendiert, sich in eine Unzahl von Sub- und Subsubtrends aufzulösen, mit der jeweiligen, hochspezialisierten Klientel, die daran hängt – wenig verbindet den Liebhaber seltsamer Dubstep-Experimente mit dem Fan brasilianischer Baile-Funk-Platten oder dem "Drei Tage wach"-Technotänzer –, lassen sich mit den tragenden Säulenheiligen des Eighties-Pop immer noch flächendeckende Einigungseffekte erzielen. Man muss nur Music auflegen, When Doves Cry oder P. Y.T., um sofortiges, allgemeines Einvernehmen zu erzielen. Und mit der hyperprägnanten Basslinie von Billie Jean kriegt man sie immer noch alle: den gemütlich gewordenen Volvo-Fahrer und den drahtig gebliebenen Mountainbiker, den freischaffenden Regisseur wie den gut bestallten Verlagslektor, die Galeristin mit linker Vergangenheit wie die späte Adeptin fernöstlicher Körperbeherrschungstechniken.

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Beim Tanzen erinnern sie sich vielleicht an ihren ersten New-York-Besuch 1989, als es dort noch gefährlich zuging und Vogueing das Ding der Saison war. Oder an den Ibiza-Urlaub 1985 mit dem ersten und einzigen Ecstasy-Erlebnis ihres Lebens. Man sieht es den Leuten natürlich nicht an der Nasenspitze an, welche wichtigen Initiationserlebnisse sie mit der Musik verbinden – was man aber sieht, ist, dass der Kontakt zum Zeitgeist immer noch funktioniert. Selbstvergessen tanzen sie zur Musik ihrer Jugend, glücklich, dass ihre Helden über einen vergleichsweise unkaputtbaren Coolnessfaktor verfügen. Die Superstars der Achtziger sind über zwei, zum Teil drei Jahrzehnte hinweg Tanzbodenfüller geblieben, weil so viele so vieles damit verbinden. Man ist zusammen mit ihnen groß geworden. Bloß in der Frage, was das genau bedeutet, zeigen sich feine Unterschiede.

Das Material Girl Madonna hat Emanzipationsgeschichte geschrieben

Nehmen wir Prince: Nachdem er ein Jahrzehnt lang prägend an verschiedenen Innovationsfronten aktiv war – sei es musikalisch, sei es sexuell –, schien er sich Mitte der neunziger Jahre, auch als Effekt der Rechtsstreitigkeiten mit seiner Plattenfirma Warner, frustriert aus dem Musikgeschäft zurückgezogen zu haben; wir erinnern uns an das Wort Slave, das er sich auf die Wange schminkte, an die Verwirrung um seinen Namen ("Symbol", "TAFKAP"). Um die Jahrtausendwende war er von den meisten Radarschirmen verschwunden, und seine Karriere schien beendet. In Wirklichkeit stellte er sich nur völlig neu auf, analog vielleicht zu Joachim, einem der vielen auf der Tanzfläche, der in seinen Dreißigern als Art Director sehr erfolgreich gewesen und später, an einem kritischen Punkt seiner Karriere, aus allen Ausbeutungszusammenhängen ausgestiegen war; nun fand er seine Erfüllung als freier Fotograf. Oder zu Sven, einem ehemaligen Deutschlehrer, der jetzt Trekkingtouren organisierte und sich gerade mit Joachim ein Luftgitarrenduell lieferte.

Das macht Prince zwar nicht, dafür hat er eines der konsequentesten, unabhängigen Musikvermarktungsmodelle aufgebaut, bei dem die Kontrolle einzig und allein bei ihm liegt. Mit der von ihm direkt an seine Fans vertriebenen Musik erreicht er immer noch hervorragende Umsätze; spektakuläre neue Tricks oder Tracks indes gab es von ihm schon lange nicht mehr zu hören. Mit einem nach wie vor ungeheueren Ausstoß produziert er ausschließlich klassische Prince-Musik zwischen Funk, Jazz und Rock – und hat damit für sich ein Modell gefunden, mit dem er und seine Fans in Würde alt werden können. Vielleicht ist das der Grund, warum sich auf den Geburtstagspartys dieser Tage so viele erwachsene, heterosexuelle Männer sein Lied Kiss wünschen, das Pendant zum penetranten Satisfaction der Babyboomer-Generation. Von seiner skandalösen, sexuell ambivalenten Minislip-Frühphase wissen die meisten wahrscheinlich nicht mal mehr. Besonders wichtig ist vielen 50-Jährigen heute, dass Prince ein richtig guter Musiker ist, der sich selber treu bleibt.

Treu bleibt sich auf ihre Weise auch Madonna, wenngleich sie sich trotz ihres anhaltenden Erfolgs etwas schwerer damit tut, dabei souverän zu wirken. Anders als Prince schöpft sie nicht unmittelbar aus sich selbst, sondern lässt sich von Außeneinflüssen leiten, die sie konsequent für sich vereinnahmt: Mal war es das erwähnte New Yorker Vogueing, das sie inspirierte, dann wieder Trancehouse europäischer Provenienz, zurzeit ist es Mainstream-R-’n’-B. Sie ist die Einzige der drei, die nicht nur aktuell geblieben ist, sondern in der gesamten bisherigen Spanne ihrer Karriere durch Präsenz und ständiges Sich-Verhalten zum jeweiligen Popgeschehen auffiel. Das macht sie als Rollenmodell so nachvollziehbar, besonders für Frauen: Madonna hat ein Stück moderne Emanzipationsgeschichte geschrieben, von ihrer Frühzeit als Material Girl bis hin zur Gegenwart als Pop-Kabbalistin. So viel Einsatz an der Selbstverwirklichungsfront zehrt aber auch aus, gerade jemanden wie Madonna, die immer alles mit Härte und Disziplin gemeistert hat und diese selten hinter Leichtigkeit verstecken konnte.

Mit Madonna geht es vielen Frauen heute wie meiner Bekannten Tanja, Mitte 40. Kürzlich erzählte sie mir, dass sie immer sehr genau darauf geschaut hatte, was Madonna als Nächstes macht, und vor allem, wie sie es macht. Als diese dann die 40 überschritt und ihr nichts Besseres einfiel, als mit aller Kraft und Härte gegen das Schwinden der Jugend anzukämpfen, war die Enttäuschung groß. Es sind die Augen und die Hände, wie Tanja meint, an denen die Zeit sichtbar wird: Madonna hat alte Augen in einem faltenfreien Gesicht. Und doch steht sie damit symptomatisch für ein Dilemma nicht nur der Frauen, sondern auch der vielen Männer um die 50: Soll man, wenn das Bild von Erfolg durch die eigene Jugendlichkeit bestimmt ist, unter immer größeren Anstrengungen damit weitermachen, oder gibt es ein gleichwertiges, der Tatsache des Alterns angemessenes Äquivalent? Es bleibt spannend, wie lange Madonna sich dieser Frage noch entziehen kann.

Von Michael Jackson stammen die besten und zeitlosesten Disco-Stücke

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Von Spannung kann bei Michael Jackson leider keine Rede sein. Von den drei Großstars ist er sicherlich derjenige mit dem geringsten Identifikationspotenzial. Sein eigenes Ding durchziehen, bis man tot umfällt, so wie Prince – kann man machen. Im Trend-Hamsterrad weiterrennen wie Madonna – fragwürdig, aber zumindest verständlich. Sich auch im fortgeschrittenen Alter ausschließlich an der Lebenswelt zehnjähriger Kinder zu orientieren, mit allem, was dazugehört oder auch nicht – bestimmt keine Option für Erwachsene. Und trotzdem ist Michael Jackson derjenige, der von diesem Trio einmal die besten und zeitlosesten Disco-Stücke geschaffen hat. Auch wenn irgendeine neue, relevante Äußerung seit über 15 Jahren nicht mehr zu vernehmen war, wäre ihm ein würdevolles Comeback zu wünschen.

Ob er das stemmen kann, bleibt zweifelhaft. Während Madonna es geschafft hat, dass man sich immer weiter auch für ihre neuesten, strategischen Ideen interessiert, lässt sich das Gesamtwerk Michael Jacksons auf etwa fünf in Marmor gemeißelte Klassiker herunterbrechen, die nicht nur jeder kennt und mag, sondern die auch den notorischen Geschmackshuber mit dem Ignoranten auf der Tanzfläche versöhnen: So viel Identität hängt nicht mehr daran, als dass man auf diesem Gebiet unterscheidbar sein müsste. Michael Jackson hat, aufgrund seines für Durchschnittsmenschen kaum nachvollziehbaren Lebensweges, nur noch nostalgische Bedeutung für heute 50-Jährige. Während Madonna und Prince auf unterschiedliche Weise tatsächlich Anregungen bieten für zeitgenössische Wege ins Alter, steht Michael Jackson sinnbildlich für all jene, die es nicht geschafft haben, sich aus den Sachzwängen ihres bisherigen Lebens zu lösen – und ewig in Kindheit und Jugend verstrickt bleiben.

An welchem Modell auch immer sich der moderne 50-Jährige orientiert – bedingungsloser Ehrgeiz wie Madonna, störrische Eigenbrötelei wie Prince oder bizarre Disfunktionalität wie bei Michael Jackson –, eines jedenfalls hat ausgedient: das Teilzeit-Rock-’n’-Roll-Modell von früher. Gab man die Jugend damals noch spätestens mit dem Erhalt des Diploms oder der Verbeamtung auf, um sie dann nur noch einmal im Jahr bei Festivals oder dem Konzertgastspiel des ehemaligen Idols hervorzuholen, ist die traditionelle Vorstellung des Erwachsenseins inzwischen gründlich passé. Genauer gesagt: Sie ist in ein neues Konzept des Älterwerdens übergegangen. Es ist eines, das ohne Aufwachsen mit Popkultur, aber auch ohne das Weitermachen mit Popkultur nicht denkbar wäre. Insofern liegt die These auch falsch, die den heutigen Erwachsenen Diebstahl an den kulturellen Jagdgründen der aktuellen Jugendlichen vorwirft. Denn Popkultur und Jugendkultur sind schlicht nicht mehr synonym. Die heute 50-jährigen haben sich ihre Sozialisation mit Pop, die in ihrer Jugend begann, einfach bis heute als ihren Bezugspunkt bewahrt – manchmal zum Neid der Jüngeren.

Bei Heikes Geburtstag wurde das sehr anschaulich, als ich Madonna auflegte: Zu deren vorletztem Hit Hung Up, den ich speziell für die Teenager spielte, stürzten sich stattdessen die Mütter auf den Dancefloor. Bei Prince kamen die Väter. Erst bei Michael Jackson waren dann alle wieder vereinigt. Mit einiger Wahrscheinlichkeit wird das auch in 50 Jahren noch so sein. Die Popkultur jedenfalls hat, wie es der berühmte englische Grafikdesigner Peter Saville vor Kurzem ausdrückte, "alles erreicht, was sie erreichen konnte": Der Zugriff auf sie, auf ihre gesamte Geschichte, ist von jedem Punkt und jedem Alter aus möglich – und auch das Altern selbst schreckt nicht mehr. Man darf in aller Entspanntheit faltig werden, ein Trend, der bald auch bei Madonna angekommen sein dürfte. Dies sollte von großer beruhigender Wirkung sein für den tanzenden Knaben aus Kassel, der wohl inzwischen auch schon deutlich über 30 ist – und, so ist zu hoffen, immer noch sehr gut drauf.

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