Ende August 1938, der Krieg war bereits zu ahnen, trafen in Paris einige Philosophen und Ökonomen zusammen, um die Welt zu verändern. Weltrevolutionen gehörten ja fast schon zur Tagesordnung; der Rote Oktober 1917 in Russland hatte den Anfang gemacht. Hinzu kam, innerhalb weniger Jahrzehnte, die Machtergreifung diverser schwarz-brauner Regime überall in Europa. Da wollte diese internationale Gruppe liberal gesinnter Geister nicht länger zögern und abseits stehen.

Gerade der Beginn der Russischen Revolution hatte viele Menschen fasziniert. Der Liberalismus samt dem kapitalistischen Wirtschaftssystem schien abgewirtschaftet zu haben. Zwar hatte er halb Europa die Industrialisierung und einen beispiellosen wirtschaftlichen Aufschwung beschert, breite Arbeitermassen aber in Armut und Elend gestürzt. Beide Begriffe, Liberalismus wie Kapitalismus, wurden zum Synonym einer grundungerechten Welt. Zudem hatten in den Augen vieler die Ausbeuter und Spekulanten Europa in das Schlachthaus des Ersten Weltkrieges geführt. In den zwanziger Jahren kamen dann die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise hinzu, den Ruf des Liberalismus weiter zu ruinieren.

Etliche bürgerliche Intellektuelle sympathisierten längst mit den Linken, agitierten für die Ideen von Marx und Engels. Das Gros des Bürgertums allerdings, vor allem die Mittelschicht, fühlte sich von der revolutionären Stimmung nach dem Ersten Weltkrieg bedroht. "Die sozialistische Idee", notierte der Wiener Nationalökonom Ludwig von Mises erschrocken, "beherrscht heute die Geister. Ihr hängen die Massen an, sie erfüllt das Denken und Empfinden aller, sie gibt der Zeit ihren Stil."

Mises hatte sich schon früh dem Kampf für die Rehabilitierung des Liberalismus verschrieben. Als sein Buch Die Gemeinwirtschaft 1922 erschien, das mit den oben zitierten Worten beginnt, "war seine Wirkung sehr tiefgehend". So jedenfalls berichtete es später Friedrich August von Hayek, Mises’ gelehrigster und wohl auch intellektuell brillantester Schüler. "Es änderte allmählich, aber sehr grundlegend die Weltsicht vieler junger Idealisten. […] Ich weiß es, weil ich einer von ihnen war. […] Der Sozialismus versprach, unsere Hoffnungen auf eine rationalere und gerechtere Welt zu erfüllen. Und dann kam dieses Buch. Unsere Hoffnungen wurden zerschmettert." Es "sagte uns, daß wir für Verbesserungen in die falsche Richtung gesehen hatten".

Für Rüstow gehören Mises und Hayek "ins Museum"

Mises witterte überall Feinde der Marktwirtschaft: "Man ist im Irrtum, wenn man meint, daß die Herrschaft der sozialistischen Ideologie auf die Anhänger derjenigen Parteien beschränkt ist, die sich selbst als sozialistische oder – was in den meisten Fällen dasselbe heißen soll – als soziale bezeichnen. Auch alle anderen politischen Parteien der Gegenwart sind von den leitenden Ideen des Sozialismus durchtränkt." Als eine seiner Wurzeln machte Mises wunderlicherweise die "romantische und soziale Kunst des 19. Jahrhunderts" aus: "Ohne die Hilfe, die ihm von dieser Seite zuteil wurde, hätte er niemals die Geister zu gewinnen vermocht." Der "denkende und vernünftig handelnde Mensch" suche das Unlustgefühl aus der Nichtbefriedigung von Wünschen durch Wirtschaft und Arbeit zu überwinden. "Er schafft, um seine Lage zu verbessern. Der Romantiker ist zum Arbeiten zu schwach. […] Er haßt die Arbeit, das Wirtschaften, die Vernunft."

Die Initiative zu der Zusammenkunft der Liberalen in Paris im August 1938 kam allerdings nicht aus Europa, sondern aus der Neuen Welt. Den Anstoß gab das ein Jahr zuvor erschienene Buch The Good Society (Die Gesellschaft freier Menschen) des amerikanischen Journalisten Walter Lippmann (1889 bis 1974). Lippmann war in seinen Studienjahren in Harvard selbst aktiver Sozialist gewesen, beriet bereits als junger Mann während des Ersten Weltkriegs Präsident Woodrow Wilson und wandelte sich später zu einem liberalen, hoch respektierten Kommentator der amerikanischen Politik.