Das Buch macht Hayek schlagartig berühmt. In den USA wird es mehr als eine Million Mal verkauft. Ein Jahr später erscheint Die offene Gesellschaft und ihre Feinde des aus Wien stammenden Philosophen Karl Popper. In diesem, seinem berühmtesten Werk, das während der ersten Zeit seiner Emigration in Neuseeland entstanden ist, versucht Popper, seine Ablehnung jeglicher Spielarten totalitärer Regime und ihrer Philosophien ideengeschichtlich zu untermauern. Politische – und ebenso wissenschaftliche – Systeme, so führt Popper aus, der nach dem Krieg in England lebt und lehrt, seien erst dann akzeptabel, wenn sie lernfähig und zur Selbstkorrektur in der Lage seien.

Popper stößt auch hinzu, als sich die Neoliberalen wiedertreffen, am 1. April 1947 im Hôtel du Parc im kleinen Ort Mont-Pèlerin am gleichnamigen Berg nahe Vevey am Genfer See. 15 der 26 Teilnehmer des Colloque Walter Lippmann sind wieder dabei. Dazu gesellt sich eine Gruppe amerikanischer Wissenschaftler, darunter die späteren Ökonomie-Nobelpreisträger Milton Friedman und George Stigler. Auch die Philosophen Hans Barth und Michael Polanyi nehmen an dem für zehn Tage angesetzten Treffen teil.

Von Ludwig Erhards sozialer Marktwirtschaft zu Pinochets Chile

In seinem Eröffnungsvortrag formuliert Hayek die Aufgabe der Runde, die den Liberalismus als wirkungsstarke politische Philosophie wiederbeleben will. Dazu bedient er sich der Worte von John Maynard Keynes, mit dem er, Hayek, "nicht oft einer Meinung" sei, der aber "niemals etwas Wahreres gesagt" habe als dies: "Die Ideen der Nationalökonomen und Philosophen wirken stärker, als allgemein angenommen wird, und zwar sowohl wenn sie recht haben, als auch wenn sie irren. Tatsächlich wird die Welt kaum von etwas anderem regiert." Diese Herausforderung müssten die Neoliberalen annehmen.

Am Ende der Tagung vereinbaren die Teilnehmer, sich zwei Jahre später wieder zu treffen und ihrer Zusammenarbeit eine Institution zu geben. Sie gründen die Mont Pèlerin Society, die bis zum heutigen Tage, vor der Öffentlichkeit diskret abgeschirmt, als Netzwerk liberaler Denker existiert und funktioniert.

Der erste praktische Erfolg ihrer Ideenwelt lässt nicht lange auf sich warten. Mit der Währungsreform und der Freigabe der Preise in Deutschland im Jahr 1948 schaffen die Vordenker der sozialen Marktwirtschaft um Walter Eucken, den Mitbegründer der Mont Pèlerin Society und Kopf der sogenannten Freiburger Ökonomenschule, die Grundlage für ihr Modell. Am Treffen der Gesellschaft im Jahr 1949 nimmt denn auch der gerade zum Wirtschaftsminister ernannte Ludwig Erhard teil, dessen Bericht die Runde neugierig lauscht.

Die radikalere Variante einer freien Marktwirtschaft nach den Vorstellungen der Österreichischen Schule um Ludwig von Mises und Friedrich von Hayek braucht etwas länger, ehe sie sich durchsetzen kann. Vor allem in den USA finden Hayeks Band Die Verfassung der Freiheit, der 1960 erscheint und als sein Hauptwerk gilt, und Milton Friedmans zwei Jahre später veröffentlichtes Buch Kapitalismus und Freiheit große Resonanz.