Vor sieben Jahren versetzte er mit einem Biowaffenanschlag die Welt in Panik. Vor einem Monat drohte er, seine Kollegen zu erschießen. In der vergangenen Woche brachte er sich um, bevor er verhaftet werden konnte. Das FBI und das amerikanische Justizministerium sind sich sicher: Der fünffache Mörder, der nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 den tödlichen Bacillus anthracis als weißes Pulver in Briefen verschickte, ist endlich gefunden. Es war der Mikrobiologe Bruce Ivins, der seit mehr als 30 Jahren im Dienst der US-Armee über biologische Waffen und mögliche Gegenmittel forschte. Seit zwei Jahren stand er unter besonderer Beobachtung. Die Beweise, sagen die Strafverfolger, sind erdrückend. Als die Verhaftung des Mikrobiologen unmittelbar bevorstand und er keinen Ausweg mehr sah, wählte er den Freitod.

Seine Familie und seine Freunde bezweifeln diese Version. Sie halten den 62-jährigen Familienvater für unschuldig. Der schmale Mann mit dem Schnauzer sei ein geachteter, engagierter und gesetzestreuer Wissenschaftler gewesen, ein liebenswürdiger, musischer Mensch, der in seinem Wohnort Fairfax im Staat Virginia ehrenamtlich für das Rote Kreuz arbeitete, sonntags in der katholischen Kirche Keyboard spielte und nach Feierabend Kindern das Jonglieren beibrachte. Sein Sohn und seine Tochter haben anrührende Abschiedsbriefe auf ihre Facebook-Seiten ins Internet gesetzt. Einige Kollegen am Armee-Institut USAMRIID behaupten, das FBI wolle nur schnell die Akten schließen, um von seinem jahrelangen Versagen abzulenken. Die Agenten hätten wieder einmal den Falschen ins Visier genommen und Ivins in die Verzweiflung und in den Tod getrieben.

Das ist Stoff für einen Psychothriller: ein grausamer Anschlag mit einem Bazillus; rätselhafte Motive; Verschwörungstheorien; massenhafte Angst; Heerscharen von Agenten, die auf der Suche nach dem Attentäter immer wieder kläglich scheitern; Wahnsinn und die Abgründe der menschlichen Seele.

Parolen wie "Allah ist groß" sollten den Verdacht auf al-Qaida lenken

Alles begann im Herbst 2001, kurz nach den Anschlägen auf das World Trade Center und das Pentagon. Im September und Oktober jenes Jahres starben plötzlich eine Krankenhausangestellte in der New Yorker Bronx, eine 94-jährige Frau in Connecticut, ein Fotograf in Florida und zwei Postangestellte in der Hauptstadt Washington. Sie hatten über Atemnot und schreckliche Schmerzen geklagt, ihr Immunsystem versagte. 17 weitere Menschen zeigten dieselben Symptome, überlebten jedoch. Alle hatten sich auf rätselhafte Weise mit dem tödlichen Krankheitserreger Anthrax infiziert. Panik brach aus, Terrorismusexperten prophezeiten Tausende von Toten. Menschen in weißen Schutzanzügen und mit Atemschutzmasken inspizierten Postsäcke und Mülleimer.

Hilfe suchten die Ermittler bei den Anthrax-Forschern der Armee. Die Experten in Fort Detrick nahe Washington identifizierten den Bazillus und untersuchten wochenlang rund um die Uhr Tausende verdächtiger Briefe. In der Postverteilung hatten mit dem Gift verseuchte Schreiben andere Umschläge kontaminiert. Zynische Zeitgenossen machten sich einen Spaß daraus, weißes Mehl oder anderes harmloses Pulver in Briefe zu streuen, um Angst und Schrecken zu verbreiten.

Auch Bruce Ivins nahm an diesen Ermittlungen teil. Seitdem 1979 in einer sowjetischen Militäreinrichtung unter mysteriösen Umständen Anthrax mindestens 64 Menschen getötet hatte, galt sein Forschungsinteresse einem möglichen Impfstoff gegen den furchtbaren Erreger. Nun arbeitete er bis zum Umfallen.

Die Suche nach dem Anthrax-Mörder erwies sich als äußerst schwierig. Woher kam er, handelte er im Auftrag, gemeinsam mit anderen oder allein? Was war sein Motiv, islamistischer Terror oder Größenwahn? Oder war es ein Wissenschaftler, der seine Regierung auf diese schreckliche Weise auf die Gefahr des Bioterrorismus aufmerksam machen wollte? Das FBI besaß als Beweismittel lediglich ein paar kontaminierte Briefumschläge, die in Princeton im Bundesstaat New Jersey in einen Briefkasten geworfen und an mehrere Nachrichtenagenturen und zwei Senatoren geschickt worden waren. Die größte Enttäuschung: An ihnen haftete kein Fingerabdruck, kein Haar, kein Speichel, überhaupt keine DNA-Spur. Die Umschläge waren maschinell vorfrankiert und handschriftlich adressiert worden, der längste Begleitbrief enthielt 24 Wörter. Parolen wie "Tod Amerika" oder "Allah ist groß" sollten den Verdacht auf islamische Extremisten lenken.