In Kalifornien gibt es eine Stadt, die von Dealern regiert wird. Sie verstecken hier sich und ihre Drogen, der Bundesstaat hat sie, abgesehen von einem einzigen Polizisten, sich selbst überlassen. Seit das Chemiewerk am Ort geschlossen wurde, ist das Städtchen neben dem Death Valley zur Gespensterstadt geworden. 1000 Einwohner richten sich in der eigenen Bedeutungslosigkeit ein oder ziehen weg, die anderen 1000 nehmen Drogen, viele brauen sich ihre Amphetamine gleich selbst. Bekannt geworden ist Trona durch den Blog eines Aussteigers, den es für einige Zeit dorthin verschlagen hatte. Der Berliner Künstler Tobias Zielony zitiert in seiner 2008 entstandenen Arbeit Trona – Armpit of America die düstersten Sätze daraus und stellt ihnen eigene fotografische Eindrücke aus Trona gegenüber. Ein Junge liegt gekrümmt neben seinem Rad im Sand, ein anderer hält sich eine Billardkugel vors Gesicht, eine Frau sitzt im Halbdunkel auf der Straße neben einer Plastiktüte. Die Bilder erzählen von der Langeweile und der Leere dort, überall liegt brauner Sand aus der Wüste. In der Dresdner Ausstellung Under Influence – Rausch und Drogen in der Gegenwartskunst ist Trona die nüchternste Auseinandersetzung mit dem Phänomen Rausch, und Zielonys Arbeit bestätigt das Ausstellungskonzept der Kuratorin Susanne Weiß. Für sie ist es nicht mehr das Glücksversprechen einer schöneren neuen Welt, das Drogen heute attraktiv macht, sondern die Aussicht, mit Drogen die Welt ertragen zu können, wie sie ist.

Doch wo ist er hin, der Zauber, der gerade in der Kunst vom Rausch ausging? Wo der tief befriedigte Ausdruck, mit dem Herkules bei Rubens die Weinkanne ausgießt, wo das verführerisch funkelnde Grün eines Absinthglases des frühen Picasso? In depressiven Zeiten scheint selbst die gemalte Hoffnung auf Rausch und Ekstase an Glanz zu verlieren. Fast alle der 15 zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstler blicken in der Ausstellung durch das Objektiv der Kamera, und viele interessieren sich wie Zielony weniger für den Rausch als dafür, was er aus den Menschen macht. Damit sind sie ganz auf der Seite der Etymologen, die zeigen können, dass Sucht nicht von suchen, sondern von siechen kommt.

Die Fotos beschönigen nichts, sie verurteilen aber auch nicht

Für die Fotoserie The Ninth Floor hat Jessica Dimmocks 2004 drei Jahre lang eine Hausgemeinschaft schwer Heroinabhängiger in New York begleitet. Aus fast obszöner Nähe sieht man den nackten Oberkörper eines Mannes, von Narben und Tätowierungen übersät, auf einem anderen Foto eine Frau im Dämmerlicht, die mit trüben Augen ins Leere starrt. Dazwischen eine Bettszene – eine junge Frau liegt erschöpft auf den Kissen und hält sich ein Stück Stoff vor den Kopf, während der Mann sich, auf die Knie gestützt, eine Zigarette anzündet. Das Schlafzimmer mit seiner verschmutzten Tapete und dem geflickten Heizlüfter spiegelt die postkoitale Traurigkeit der beiden. Später sieht man die Frau mit dem leeren Blick im Krankenbett wieder, selbst hier spritzt sie sich Heroin. Erst habe sie vergeblich versucht, von den Drogen loszukommen, dann ein Kind bekommen, liest man auf den Infotafeln der Ausstellung. Dimmocks Fotos sind mal überbelichtet, mal verwaschen, die Fotografin beschönigt nichts. Sie kapituliert aber auch nicht vor dem Elend und der Selbstzerstörung ihrer Umgebung und sie fällt kein Urteil.

Den größten ästhetischen Gegensatz zu Dimmock markiert in der Ausstellung Tracey Moffatt. Ihre 19-teilige Fotoserie Laudanum von 1998, benannt nach einer Opiumdroge der Romantik, inszeniert in Schwarz-Weiß-Bildern auf Büttenpapier die sadomasochistische Beziehung einer Gutsbesitzerin und ihres schwarzen Dienstmädchens um 1900. Ob die Herrin die schwarzen Haare der Dienerin schert, die Dienerin es sich im herrschaftlichen Bett bequem macht oder die Herrin mit einem abgerissenen Strick vor einem Gitterfenster steht, jedes Bild spielt mit kolonialistischen Klischees und ist Halluzination oder erotischer Wunschtraum, den der Betrachter erst entschlüsseln muss.

Während bei Dimmock alles authentisch war, ist bei Moffatt alles fiktiv. Benutzte die eine Hässlichkeit als Argument für die Heftigkeit der sozialen Probleme, erscheint bei der anderen jedes Bild vollendet stilisiert. Beide Künstlerinnen untersuchen dabei die verheerende Wirkung von Drogen auf das Zusammenleben.

Massenhafter Drogenkonsum ist übrigens ein Kind des Krieges und nicht der Wohlstandsgesellschaft. In den militärischen Auseinandersetzungen des 19., vor allem den Weltkriegen des 20. Jahrhunderts wurden synthetische Schmerzmittel entwickelt, deren Einnahme bald nicht mehr zu kontrollieren war. Heroin wurde etwa vom Chemieriesen Bayer ab 1896 serienmäßig hergestellt und 20 Jahre lang in einem Werbefeldzug sorgfältig beworben.