Liu Cui, 26 Jahre, im engen Spaghettiträger-T-Shirt, nippt an ihrem Latte macchiato und kippelt auf dem Bistrostuhl. "Ich habe nichts gegen vorehelichen Sex", sagt Liu. Sie sitzt mit zwei Kommilitoninnen im Campus-Café der Pekinger Fremdsprachenuniversität im Kellergeschoss ihres Studentinnenwohnheims. Es ist ein abgedunkelter Ort für Liebespärchen. Männer dürfen nicht mit auf die Zimmer der Studentinnen, aber sie dürfen ihnen hier einen Kaffee bestellen. Der kostet 30 Yuan, umgerechnet drei Euro, ein Preis für Neureiche. Neben Liu glimmt ein künstliches Kaminfeuer – mitten im heißen Pekinger Sommer.

"Wir sind sexuell frei", sagt Liu, "aber es gibt hier zu wenige Männer." In ihren Seminaren seien vier Fünftel aller Studenten weiblich. Liu und ihre zwei Freundinnen sagen, sie seien zum ersten Mal im Love-Café, sie hätten alle keinen festen Freund. Sie alle tragen enge Hemden, kurze Hosen, zeigen viel Haut. Ihre Haare sind aufwendig frisiert.

Sie haben wirklich keine Liebhaber?

Sie habe einfach zu viele Verpflichtungen, sagt Liu. Studium, Job, zeitaufwendige Familienbesuche daheim in der Provinz Sichuan – keine Zeit, einfach mal wen kennenzulernen. Oder sind es doch die sozialen Normen, die Tradition, die Unfreiheit, die sie einengen?

Nein, sagen die Studentinnen, die sexuelle Freiheit sei in China angekommen, sie gehöre zur Grunderfahrung ihrer Generation, das könne nicht mehr rückgängig gemacht werden. Das klingt für chinesische Verhältnisse, nach den Jahrhunderten arrangierter Heiraten, wie ein neues Glaubensbekenntnis. Aber wollen die jungen Frauen die neue Freiheit wirklich, oder reden sie sie nur für westliche Ohren schön? Jede neue, hart erkämpfte Freiheit stößt in China auf mehr Hindernisse als sonst wo auf der Welt, weil die Widerstandskräfte der Politik so stark sind.

Und dennoch: Die Olympia-Generation 2008 ist Chinas erste moderne Studentengeneration. Sie hat die Radikalität und Naivität des politischen Protests überwunden, der in China die Jugend des ausgehenden 20. Jahrhunderts prägte. Sie hat den puren Materialismus der Jahrhundertwende überstanden, als mit den ersten wirtschaftlichen Erfolgen Chinas auch die Jugend dem Mammon verfiel. Sie ist angekommen bei einem abgewogenen, sehr politischen, sehr chinesischen Verständnis von Freiheit: Sexuelle Freiheit? Abgehakt. Meinungsfreiheit? Unbedingt. Presse- und Internetfreiheit? Dafür kämpft man. Doch allgemeine politische Freiheit? Nein. Demokratie? Dafür ist es zu früh. Freiheit für Tibet? Auf keinen Fall.

"Du googelst nur, aber verstehst und analysierst nicht", tadelt der Professor