Martin Liechti blieb stumm. Was sollte der beschuldigte 47-jährige Generaldirektor der Schweizer Großbank UBS auch sagen? Sollte er den amerikanischen Senatoren erklären, dass er lediglich getan hatte, was seine Bank seit Jahrzehnten tut – Kunden vor dem Fiskus zu schützen? Liechti, ein groß gewachsener Mann im engen, anthrazitfarbenen Anzug, berief sich auf sein Schweigerecht, später dann verließ er steifen Schrittes den überfüllten Saal. Eine Ära ging an diesem Tag Mitte Juli zu Ende – jene Ära, in der die UBS mit dem Schwarzgeld vermögender amerikanischer Anleger viel Geld verdiente.

Während der Anhörung des US-Senats auf dem Capitol Hill in Washington vollzog das Kreditinstitut eine 180-Grad-Volte. »Ich entschuldige mich im Namen der UBS«, sagte Mark Branson, der Finanzchef der Sparte Wealth Management. Seine Bank sagte zu, den amerikanischen Behörden Informationen über die Konten und Depots von 20000 amerikanischen Kunden zu geben. Diese müssen der Offenlegung zustimmen, sonst werden sie von der Bank hinauskomplimentiert. In den Schweizer Finanzzentren Zürich, Genf und Lugano bitten denn auch dieser Tage US-Millionäre bei den Konkurrenten der UBS um Einlass. »Bei uns klopfen sie erfolglos«, sagt ein Berater der Credit Suisse. Man will sich an den Problemfällen der UBS nicht die Finger verbrennen.

Was der US-Senator und Ausschussvorsitzende Carl Levin einen »Fortschritt« nannte, sorgt in Schweizer Banken für Unruhe. Der Bückling der UBS, ihres Aushängeschilds, verunsichert die Branche. Zwar wollte Pierre Mirabaud, der Präsident der mächtigen Bankiervereinigung, jüngst nur »einen Fall UBS und keinen Fall Finanzplatz« sehen, doch Politiker von links bis rechts befürchten bereits geballte Angriffe auf das so berühmte wie berüchtigte Schweizer Bankgeheimnis. Mit dem Einknicken der UBS in den Vereinigten Staaten hat es bereits große Löcher bekommen. Dann ist da noch die EU: Mit ihr hat die Schweiz zwar ein Zinssteuerabkommen, das das Bankgeheimnis bis 2013 sichert. Skandale wie die im Fürstentum Liechtenstein (siehe Kasten) lassen jedoch auch in Europa den Unmut über Fälle von Steuerhinterziehung steigen, in Deutschland und anderswo. Der Druck steigt.

Verstärkt im Visier ausländischer Ermittler sind die Helfershelfer der Steuersünder, die Kundenberater der Banken. Zwar droht das Schweizer Bankengesetz bei Verrat von Kundendaten »mit Gefängnis bis zu sechs Monaten oder mit Buße bis zu 50000 Franken« – doch geht es um die eigene Haut, ist manch einer bereit zu kooperieren.

So wie Bradley Birkenfeld, 43 Jahre alt. Er ist ein ehemaliger Mitarbeiter der UBS, der derzeit in den USA vor Gericht steht – und auspackt. Schon seine bisherigen Aussagen über die Geschäftspraxis der Bank ließen die UBS als gierige und skrupellose Organisation erscheinen, die Verträge mit US-Behörden nur pro forma respektierte. Doch für die Bank könnte es nun noch schlimmer kommen: Das ursprünglich für Mittwoch nächster Woche erwartete Urteil wurde vor wenigen Tagen um zwei Monate verschoben – um »die Kooperation des Angeklagten für die laufenden Untersuchungen« zu maximieren, wie David Weinstein von der Staatsanwaltschaft Florida sagt. Aus dem Fall Birkenfeld wird so zusehends ein Fall UBS. Als wäre das nicht genug, betreffen die Ermittlungen auch das Wealth Management, das Herz der Bank. In der Sparte für vermögende Kunden verdiente sie noch Geld, als sie in anderen Geschäften wegen der Finanzkrise bereits Milliarden Euro abschreiben musste.

Bradley Birkenfeld stieß im Sommer 2001 zu den Schweizern. »Er war einer der bestbezahlten Mitarbeiter der Vermögensverwaltung«, sagt Udo Hamm, der mit dem Amerikaner bei der UBS arbeitete. Laut und ausgelassen soll Birkenfeld gewesen sein, nicht gerade passend für eine diskrete Schweizer Kundenberatung. Dafür, so geht es aus dem Prozess und den dazugehörigen Unterlagen hervor, hatte der Amerikaner Igor Olenicoff an der Angel – einen steinreichen Russen, der als junger Mann in die USA emigriert war und mit Immobiliendeals ein Vermögen gescheffelt hatte. Olenicoff folgte Birkenfeld, als dieser von der englischen Barclays Bank wegwollte. Die Engländer hatten ein Abkommen mit den USA unterzeichnet, das die steuerliche Handhabung von US-Wertschriften erleichterte und im Gegenzug die Betreuung nicht deklarierten Vermögens erschwerte. Für unversteuertes US-Geld wie jenes von Olenicoff war bei Barclays von da an kein Platz mehr.

Anders bei der UBS. Zwar hatten die Schweizer ebenfalls ein Abkommen mit den amerikanischen Behörden unterzeichnet. Doch Hemmungen wie die der Engländer waren ihnen fremd. US-Chef Liechti rollte Beratern wie Birkenfeld und reichen Kunden den roten Teppich aus und machte sie mit Treuhändern in Liechtenstein bekannt, die spezielle juristische Vehikel in Steuerparadiesen aufbauten. Formelle Besitzerin des Olenicoffschen Vermögens wurde eine Firma auf den Bahamas. Damit wurde durch die Hintertür möglich, was die Amerikaner mit dem Abkommen verhindern wollten: dass amerikanische Steuerzahler ohne Wissen der Behörden mit amerikanischen Wertschriften handeln konnten.