100 Jahre Rowohlt

Ist Rowohlt zu lila?", fragte Hans Magnus Enzensberger, wie immer apart, als er mir zur Publikation einer Prosaarbeit riet und wir überlegten, welcher Verlag in Betracht käme. – Ja. Rowohlt war immer lila. Die ungebärdige Unprogrammatik – keine strenge Linie, eine ideologische schon gar nicht – war von der ersten Stunde an gleichsam das Markenzeichen dieses bis heute bedeutenden Verlages. Zwar war der Gründer Ernst Rowohlt nie Kafkas Verleger, wie der Spiegel zu berichten wusste, als der Band Betrachtung 1912 unter dem Signet ERV im Börsenblatt annonciert wurde, war Ernst Rowohlt bereits ausgeschieden, und der ehemals stille Geldgeber Kurt Wolff war der Verleger. Doch pflückt das kein Lorbeerblatt aus dem Kranz, der Ernst Rowohlt gebührt. Bereits die allerersten Programme sind aller Ehren wert, schreiben Literaturgeschichte mit des damals hochberühmten Paul Scheerbarts Katerpoesie, Platens Venezianischen Sonetten, einer in Maroquin gebundenen Verlaine-Ausgabe oder Shakespeares Sonetten (als Drugulin-Druck Nr. 6). Schon die Publikationen der frühen Jahre (1908 bis 1920) zeigen etwas für die deutsche Verlagslandschaft ganz und gar Einmaliges: Hier geht ein Mann – meist mit gepumptem Geld, oft am Rande der Pleite – unbeirrt und ohne Rücksichten auf etwaige Publikumserwartungen seinen eigenen Vorlieben nach: Anekdoten von Kleist, ein Singspiel von Rousseau, Büchners Pamphlet Friede den Hütten! Krieg den Palästen!, Dauthendey und Herbert Eulenberg en masse, dazwischen Georg Heym und Arnold Zweig, auch Karl Marx’ Zur Judenfrage. Die Vielfalt ist so überbordend, als habe dem 1887 in Bremen geborenen Verleger selber der Kopf geschwirrt.

Der Mann hatte ein Gesicht – und tausend Augen

War er ein Kopf? Rowohlts recht bramarbasierendes Diktum "Kein Gesicht, doch tausend Augen" ist ja inzwischen zu Tode zitiert worden; mir – der ich den Mann erst spät in seinem Leben kennenlernte – scheint, er hat sich damit selber Unrecht getan. Durchaus hatte er – respektive sein Verlag – ein Gesicht und tausend Augen. Die Frage, ob man einen Verlag so machen kann, erinnert an die Frage von Brecht und dessen selbst gegebene Antwort "Man kann Shakespeare verändern – wenn man’s kann".

Ernst Rowohlt war ein querköpfiger Dickschädel, ein zartbesaitetes Nilpferd, das Ströme von Whisky durchschwamm und zuschnappte, wenn seine Funkelaugen Beute erspähten. Die Berichte von lärmend durchzechten Nächten, etwa mit Walter Hasenclever, sind legendär; keine Legende aber ist, dass der Verlag schon 1919/20 drei Titel des bald enorm erfolgreichen Dramatikers im Programm hatte. Wer so früh Carl Einstein, Albert Ehrenstein und Friedrich Wolf verlegte: der kann nicht nur ein fröhlicher Saufkumpan (er aß allerdings tatsächlich Gläser, die er selbst geleert hatte) gewesen sein. Der wollte den Pokal Welt ausschlürfen. Und weil er ein kluger Mann war, wusste er, darin schwamm nicht alles fein sortiert, da quirlte und sprudelte es durcheinander: Kleine feine Perlen wie Arno Holz, Giftiges wie Kurt Hiller, Nährendes wie Emil Ludwig (von dessen Riesenauflagen der Verlag lange lebte); manchmal war es auch ein Cocktail wie die von Max Krell herausgegebene Anthologie mit Texten von Gottfried Benn, Alfred Döblin, Franz Jung, Carl Sternheim oder Franz Werfel.

Als ich in den sechziger Jahren, frischgebackener Programmchef des Hauses, Ernest Hemingway in Paris traf und ihm lobhudelte, sagte der alte Rowohlt-Freund: "You know, I am a very modest person – all I want is everything." Das hätte gut gepasst als Siegel für diesen nur scheinbar grobianischen Verleger, hätte er denn ein Siegel gehabt; indes er – Mary Tucholsky, kurz nach 1945 seine Assistentin in Berlin, erzählte mit schockiertem Amüsement davon – die Briefmarken selber anleckte und sich dann auf die Post setzte, damit sie auch festklebten. Er wollte – ziemlich – alles, und ob nun Bruno Frank zu Leo Matthias passte, Franz Blei zu Paul Kornfeld oder Hermann Kasack zu Carl Ludwig Schleichs Besonnte Vergangenheit, war ihm egal; vermutlich hätte er "schnurz" gesagt.

Von Georg Lukács gibt es das Wort "Talent ist immer eine Rechtsabweichung". Man darf diese DDR-Häresie getrost verdrehen in "Temperament ist immer eine Linksabweichung". So finden wir Hans Fallada neben Arnolt Bronnen und (1922) den heute als Inkunabel gehandelten Band Der Kampf um den "Reigen", der die Dokumente über das Verbot von Schnitzlers Stück zusammenfasst. Ernst von Salomon und Kurt Tucholsky gemeinsam zu verlegen: dazu brauchte es schon einen besonders geeichten Kompass. Ernst Rowohlt war ein Fahrensmann, der auf seinem bunt bewimpelten Schiff fröhlich trompetete: "Charakter ist nur Eigensinn, es lebe die Zigeunerin."

Vornehm war das Gefährt nicht, elegant nicht die Gäste, noch zu distinguierter Gesellschaft sich zusammenfügend. Aber es stand immer unter Dampf. Wer so bis an die Top-Rahe geflaggt daherrauscht, darf des Neides seiner Kollegen sicher sein. Schon Rowohlts Siegesfanfare "Balzac zahlt alles", als er Mitte der zwanziger Jahre den Verlag in schweren Wassern flotthielt durch den Druck der inzwischen honorarfreien Balzac-Ausgabe, zog Spott auf sich, weil sich alsbald herausstellte, dass der angeblichen Gesamtausgabe einige Romane fehlten.

100 Jahre Rowohlt

Doch auch dieser kluge Schachzug zeigte: Ernst Rowohlt war kein Kaschemmensortimenter, sondern ein Verleger mit Riecher; er wusste genau, was er tat, um sein Haus immer wieder zu retten. Die Anekdote, er habe Manuskripte nie gelesen, sondern den Papierpacken auf seine Glatze geschlagen, um dann Ja oder Nein zu sagen, hat den Wert so manchen Klatsches: Sie ist unwahr.

Neid und Rettung. Dazu gibt es viele Berichte und Zeugnisse. Gottfried Benn nennt ihn im August 1947 einen "Hans in allen Gassen, und wo er Sensation oder Aktuelles wittert, ist er bei der Hand, ein reiner Opportunist"; einen Monat später erkennt er den Verleger, der sich um ihn bemüht, "in seiner ganzen Niedrigkeit", erwähnt aber nicht, dass Rowohlts Emissär Kurt Marek schon 1946 versucht hatte, bei den Alliierten die Erlaubnis zum Druck eines Teils des Romans Phänotyp des verfemten Benn zu erreichen. Benns Empörung des Jahres 1947 bezog sich auf eine Umfrage der Zeitschrift Ulenspiegel: "Welchen von den nicht erlaubten Autoren möchten Sie gern drucken?", auf die Rowohlt zurückgeraunzt hatte: "Erlauben Sie mal – keinen." Schon 1935 notiert die unbestechliche Thea Sternheim in ihren Tagebüchern ihren Versuch, den Freund Masereel vor Rowohlts Annäherungsversuchen zu warnen, und fixiert ihren Eindruck: "Dieser aufgedunsene, schwere u dreiste Bremenser, von dem ich durch Zufall den peinlichen Anbiederungsversuch zu Beginn der Hitlerregierung besitze, ist der typische Vertreter dessen, was man jetzt Deutscher zu nennen pflegt."

Tatsächlich existiert das bedrückende Dokument einer dubiosen Schlingerei dieses widersprüchlichen Mannes, der ja allen Ernstes 1933 einen mit Hitler-Foto geschmückten Band Ein Volk steht auf. 53 Tage nationaler Revolution verlegt hat. Es ist sein Brief vom 24. April 1933 "An die Chefredaktion des Völkischen Beobachters": "Ich möchte noch bemerken, dass ich mich in jeder Beziehung als Deutscher fühle und rein arischer Abstammung bin. Bei den von mir geleiteten Unternehmungen handelt es sich um die Ernst Rowohlt Verlag Kommanditgesellschaft auf Aktien, deren persönlich haftender Gesellschafter ich bin, und um die Rowohlt Verlag G.m.b.H. deren Geschäftsführer Herr Walter Kahnert (rein arischer Abstammung) und ich sind. Beide Unternehmungen stehen unter meiner alleinigen verantwortlichen Leitung. Es ist auch nicht richtig, dass in den von mir geleiteten Unternehmungen ein jüdischer Werbefachmann tätig ist. Ich pflege meine Werbung persönlich zu leiten. Ich glaube, dass mich der Ausdruck ›Gesinnungslumperei‹ nicht treffen kann, denn ich habe schon seit mehreren Jahren, unter anderen Autoren, auch ausgesprochen national aktivistische Autoren verlegt, wie z.B. seit dem Jahre 1922 Arnolt Bronnen und seit dem Jahre 1930 Ernst von Salomon. Ich bin deswegen des häufigeren von der linksgerichteten und bürgerlichen Presse öffentlich angegriffen worden."

Aus irrender Liebe, in verhaktem Eigensinn schuf er den Verlag

Weiter schreibt Rowohlt: "…so war es für mich selbstverständlich, und es entsprach durchaus meinem persönlichen Empfinden, mich der nationalen Gleichschaltung einzufügen und im Sinne der nationalen Regierung am Neuaufbau deutscher Kulturpolitik mitzuarbeiten."

Kein Ruhmesblatt, man darf es peinlich-anbiedernd nennen. Wie ja die dubiose Rückkehr aus Brasilien ausgerechnet 1940 – "Die Ratten betreten das sinkende Schiff", spottete Erich Kästner – und seine Kriegsteilnahme als Offizier keinen Mann ohne Fehl und Tadel zeigen. Bekannt war das alles seit Langem, es bedurfte keines "spekulativen Eifers", wie die Süddeutsche Zeitung eine bewundernswert naive Spiegel-Story nennt, um zu konstatieren: Ein Hochbegabter hatte keinen blank schimmernden Ehrenschild. Hatte Benn den? Céline? Hamsun? War Bertolt Brecht ein Schätzchen? Ist Thomas Manns Hassausbruch gegen die Demokratie (Betrachtungen eines Unpolitischen, 1918) ein Essay würdiger politischer Einsicht? Ihr Werk indes kann, zur allergrößten Not, solchen Denunziatiönchen standhalten.

Und ein Werk hat Ernst Rowohlt geschaffen. Aus irrender Liebe, in verhaktem Eigensinn. Er war ein Naturereignis, dessen Blitze, Donner, Sonne und Hagelschauer er zu einem grandiosen Verlag geformt hat. Wer ihn vergleichen will mit den sockentragenden Angestellten gewisser Verlagsetagen, deren Höchstmaß an Pseudoeleganz das mit dem Krawattenstoff identische Einstecktuch des Kaufhausjünglings ist, der bekommt ihn nicht ins Visier. Ein Schlussbild möge ihn noch einmal porträtieren. Er und nur er allein war es, der gegen den Widerstand des gesamten Verlages die erste große Ausgabe der gesammelten Werke von Kurt Tucholsky durchsetzte; sein Lektor namens Wolfrath hatte dem "possenreißenden Tagesjournalisten" bestenfalls ein weiteres Sammelbändchen zubilligen wollen. Ernst Rowohlt wischte das beiseite. Und als sein Ende nahte, hatte er zwei Wünsche. Bei der Beerdigung sollte Brüder zur Sonne, zur Freiheit gesungen werden – und das erste, frisch aus der Druckerei gekommene Exemplar von Band 1 ebenjener Edition "meines Lieblingsautors" sollte ihm mit in den Sarg gelegt werden. So geschah es.

100 Jahre Rowohlt

Nun kommt Ledig ins Bild; recte Heinrich Maria Ledig-Rowohlt. So aber hieß er jahrzehntelang keineswegs. Obwohl längst im Verlag tätig, den er mit Hilfe der Deutschen Verlagsanstalt durch die Kriegsjahre gesteuert hatte, war er immer nur "Herr Ledig", so stets angeredet vom Vater, dessen unehelicher Sohn er war. Ein weiterer "füchsischer" Zug bei "Väterchen": Als es nach 1945 um das Erteilen der alliierten Lizenzen ging und Hauptmann Rowohlt, NSDAP-Mitglied, "belastet" war, entsann er sich des Sohnes. Der begnadete Rabauke Ernst von Salomon hat in seinem Roman Fragebogen (1951) dieses abstruse Vater-Sohn-Stück eindrücklich beschrieben. Der Rowohlt Verlag bekam alle vier Lizenzen. Der Schriftsteller Kurt Kusenberg erhielt die französische, was ihm zeitlebens eine Sonderstellung im Verlag verschaffte. Mit Ledig – er nämlich war es, der die anfangs von "Väterchen" verabscheuten Taschenbücher aus den USA "importierte" – begann die große Blütezeit des Nachkriegsverlages.

Und jetzt muss ich sehr aufpassen. Da ich ab 1960 ein knappes Jahrzehnt für Ledig arbeitete, ja fast mit ihm "lebte" – "Stellvertreter des Verlegers" lautete der offizielle Titel –, darf ich nicht in den Fehler verfallen, ein weiteres Mal die unzähligen Abenteuer, Begebnisse, Kräche und Liebestelegramme wiederzugeben, die diese ganz einmalige Arbeitsbeziehung skandieren. Es soll also von jenem Ledig berichtet werden, für den der Verlag (Schaukelpferd und elektrische Eisenbahn in seinem Büro!) ein Riesenspielplatz war, der kaum Briefe beantwortete, es sei denn, er diktierte sie einer ohnmächtig gewordenen Sekretärin, und dessen telefonisches "Küss die Hand, gnä’ Frau" nur allzu oft mit "Und nun lecken Sie mich am Arsch" endete; und der einmal vergessen hatte, vorher den Hörer aufzulegen.

Ledig rannte vor Begeisterung gegen einen Laternenpfahl

Dieser Ledig, allzu oft und allzu leichtfertig abgetan als Trinker im Savile-Row-Maßanzug, war Herz, Hirn und Seele des Verlages. Keineswegs war er nur der Malpass-Erfolge Erschnuppernde. Er war ein Literaturnarr, der seinen Lautréamont so gut kannte wie Jouhandeau oder Lissitzky, der bis ans Ende seines Lebens ein zerknittertes Foto von Konrad Bayer in Badehose bei sich trug und – als er mir, in Paris spazierend, aus Becketts Comment C’est vorlas – sich vor Begeisterung an einem Laternenpfahl eine Beule einrammte. Beckett war gar nicht sein Autor, und – Ledig war kein Schnappauf – er wollte ihn auch nicht abwerben. Er konnte gönnen.

Als einmal Heinrich Böll zu uns kam, dessen Verleger Witsch ihn zu kurz hielt, rief er diesen stante pede an: "Jupp, ich will dir den Böll nicht abspenstig machen – aber du musst ihm mehr zahlen." Nicht ohne Ironie pflegte er über den allzu befreundet tuenden Siegfried Unseld zu sagen: "Ich bin doch kein Aufkäufer" – wenn, von Walter Benjamin über Joyce zu Proust (und heute von Heiner Müller über Ingeborg Bachmannbis hin zu Koeppen), dieser seinen Katalog mit Autoren schmückte, die er anfänglich nie verlegt hatte. Wer Sartre und Camus, Hemingway und (den von Ledig früh entdeckten) Faulkner im Köcher hatte, dann Nabokov oder die Mayröcker und die Jelinek – der brauchte nach fremden Autoren nicht zu käschern. So wäre er auch nie auf den Gedanken gekommen, den saftigen Vorschuss zurückzufordern, als die fleißige Biene Mayer den Vertrag brach und seine Memoiren bei Suhrkamp publizierte. Ledig, der mich mit Marlene Dietrich bekannt machte, hätte mit ihr singen können: "…wenn an der nächsten Ecke schon ein andrer steht".

An der nächsten Ecke standen Italo Svevo und Mishima, Mario Vargas Llosa und Isaac Bashevis Singer, James Baldwin und John Updike, Hubert Fichte oder Rolf Hochhuth. Dessen Stellvertreter-Manuskript führte zu einem jener denkwürdigen Telefonate. "Herr Beitz von Krupp ist auf der zweiten Leitung", meldete die legendenumwobene Sekretärin BB. Wenn Nadelstreifen sprechen könnten…: Zwei Herren, einander in höherer Stellung vermutend, drohten in eisiger Höflichkeit einander Prozesse an. Berthold Beitz war ein Fahnenexemplar des Stellvertreters zugespielt worden, in dem die Nazizeit der Krupp-Werke nicht gerade glimpflich wegkam. Ungerührt beendete Ledig das Telefonat mit dem Satz "Dann, hochverehrter Herr Beitz, freue ich mich auf den Prozess Krupp gegen Rowohlt" (der nie stattfand). Eine Minute später rief er Piscator an, der nächsten Tags telegrafisch die Inszenierung des Stückes zusagte – ein Welterfolg hatte seinen Anfang genommen.

So vornehm dickköpfig war Ledig nicht immer. Wahrlich, er konnte auch pampig sein; auf die Frage des Oberkellners, wohin er den nicht platzierten "Herrn" setzen sollte, raunzte er: "Das ist kein Herr, das ist mein Chauffeur." Und einmal habe ich ihn furchtsam erlebt. Für den Hamburgbesuch des von ihm gegen alle juristischen Widerstände verlegten Genet hatte er sich eine schnieke Lederkluft zugelegt und sich prompt dessen Spott "Sie sehen ja aus wie ein Koffer" zugezogen. Als wir durch einen besonders dunklen Park gingen, verlangsamte der tapfere Verleger seinen Schritt und antwortete auf des Verbrechergenies Frage "Sie haben wohl Angst vor mir?" mit einem unverhohlenen "Ja".

100 Jahre Rowohlt

Selber zu übersetzen war seit jeher Ledigs Leidenschaft

Den Verlagsboss indes zeichnete Ängstlichkeit keineswegs aus. Vielmehr leitete ihn eine ganz unbürgerlich-stürmische Leidenschaft für die Literatur, er griff nach Büchern wie nach den nie ausgehenden Navy-Cut-Zigaretten (in späteren Jahren Monte-Christo-Zigarren) – und es war ihm egal, dass Céline in den sechziger Jahren wohl nicht direkt in war oder dass Hubert Selbys Last Exit to Brooklyn kaum übersetzbar war. Das Übersetzen war von jeher sein Faible – für Tage, manchmal Wochen zog er sich mit einer ganzen Combo von Lektoren, Redakteuren, Sekretärinnen zurück, um Henry Miller oder D. H. Lawrence auf Deutsch den letzten Schliff zu geben; gelegentlich bis hin zu grotesken Absonderlichkeiten. Fast heimtückisch fragte er meine blutjunge Sekretärin: "Wie sagt man nun korrekt – ›Ich komme‹ oder ›Es kommt mir‹?", um die errötend Schweigende anzuherrschen: "Also, Sie wissen es nicht. Schlimm für Sie."

Dieser Mann konnte alles zugleich – auf elegante Weise vulgär sein; auf der Kitschschaukel wippend die Musil-Edition vorantreiben; im samtausgeschlagenen Salon seiner schönen Frau Jane dem Monsieur Cohn-Bendit kandierte Veilchen servieren oder für den versehentlich ins Bordell mitgeschleppten James Baldwin "ein paar Jungen, aber rasch" bestellen. Vor allem konnte er eines: den zu seiner Zeit renommiertesten, international weit anerkannten Verlag formen.

Einem Menschen mit so vielen Facetten ist manchmal auch das Glück hold. Ledig jedenfalls hatte Glück mit seinen Nachfolgern. Schon Michael Naumanns liebende Sorgfalt, mit der er den schwer kranken Harold Brodkey umhegte, war Zeichen, dass da jemand wusste, wessen Stab er übernommen hatte. Unvergesslich der Abend, den er ihm in Venedig – der letzte Europabesuch – ausrichtete, zart und von rascher Kessheit, wie es Naumanns Art ist; und wie plump ich mich trotz der mitgebrachten Rose benahm. "How are you?", fragte ich gedankenlos. "Thank you, I’m dying", antwortete der Aids-Kranke. Naumann ging von Bord des klug gesteuerten Schiffes, andere kamen. Nach Niko Hansen hat jetzt Alexander Fest den Wanderstab der Fortüne in der Hand, und er hat ihn mit erstaunlicher Fertigkeit umgeformt zu einem mächtigen Ruder, mit dem er den hoch aufragenden Dampfer durch die Stürme der modernen Tsunami-Meere lenkt, keineswegs nur den Kehlmann-Klabautermann und den Enterer Walser an Bord. Ernst Rowohlt nahm Tucholsky mit ins Grab. Ledig starb während eines Verlegerkongresses in Neu-Delhi. Der Rowohlt Verlag aber, weithin geachtet, verdienstvoll und sogar verdienend, lebt, von der Reling winken die Autoren.