Die chinesischen Reiter fürchten sich vor nichts. Ihnen gehört die Welt. Stolz treiben die Krieger ihre Pferde am Pariser Eiffelturm vorbei und an der Golden Gate Bridge in San Francisco. Ihr Ziel ist das neue Zentrum des Weltgeschehens: Peking, die Hauptstadt des Reiches der Mitte. Hypermodern ist sie und voller Tradition, eine Olympiastadt, so dynamisch wie die Sportler, deren Gastgeber sie sein wird. Schnitt. Ende eines Werbespots, der dieser Tage im chinesischen Fernsehen läuft.

Die Heroen werben für Lenovo-Computer. In den Augen westlicher Betrachter mag der Spot großtuerisch, gar nationalistisch erscheinen. Den chinesischen Zuschauern jedoch geht das Herz auf, auch den jungen und fortschrittlichen. "Wir sind stolz auf das Unternehmen. Es ist das Symbol des beispiellosen Wiederaufstiegs des großen Chinas", sagt die 32-jährige Jing Mei. Große Worte aus dem Munde einer Buchhalterin bei einem Autohändler. Aber durchaus üblich. Die "gerechte Revanche der Geschichte", wie es Jing Mei pathetisch formuliert, zeigt sich eben auch in einem Unternehmen wie Lenovo.

Mehr als hundert Jahre haben die Chinesen darauf gewartet. Die schwierige Zeit führte durch die letzten, demütigenden Jahrzehnte des Kaiserreiches, als die westlichen Kolonialmächte mit den Chinesen Katz und Maus spielten, die chaotische Republikzeit, in der Nationalisten und Kommunisten sich zerfleischten, und durch die Tragik der fast 30-jährigen Herrschaft Maos. Dann ging es steil bergauf. China befreite sich vom Image des Badelatschenherstellers und wurde zur Hightechmacht.

Im Windschatten dieser Entwicklung ist Lenovo innerhalb von gut zwei Jahrzehnten zum viertgrößten Computerunternehmen der Welt aufgestiegen. Dabei ist den Lenovo-Managern mit der Übernahme der Personal-Computer-Sparte von IBM vor einigen Jahren ein spektakuläres Geschäft geglückt. Inzwischen rechtfertigt Lenovo seine Position nicht nur durch hohe Verkaufszahlen im chinesischen Markt, sondern auch durch Produkte, die sich mit den besten der Welt messen können. Mit ihrem Modell Thinkpad X300 attackieren die Chinesen sogar das MacBook Air von Apple, das angeblich dünnste Notebook der Welt – und können, so die Mehrheit der Analysten, durchaus bestehen.

Die Olympischen Spiele bilden den vorläufigen Höhepunkt des Aufstiegs. Das Computerunternehmen ist der einzige chinesische Großsponsor. Während des Sportspektakels steht die Marke Lenovo auf Augenhöhe mit Marken wie Coca-Cola, Volkswagen, McDonalds, Visa und General Electric – zumindest in der chinesischen Wahrnehmung. Im Rest der Welt hat Lenovo noch viel nachzuholen. Auch das wird bei Olympia deutlich werden. Viele Menschen werden die Marke zum ersten Mal erleben. Und mancher Computerbanause in Deutschland wird Lenovo wohl mit dem Weichspüler Lenor verwechseln, obwohl das Unternehmen seit Dezember vergangenen Jahres den VfB Stuttgart sponsert.

In den nächsten Wochen will Firmenpräsident Yang Yuanqing den Bekanntheitsgrad von Lenovo deutlich steigern. Dem 44-Jährigen steht dabei eine Gratwanderung bevor. Einerseits wird nationales Aufstiegsgedusel und Siegesgeschrei in China geradezu erwartet. Andererseits weiß er, dass er den Westen damit abschreckt.

© ZEIT-Grafik/Quelle: Lenovo-Geschäftsbericht für das Geschäftsjahr bis März 2008

Lenovo soll eine internationale Marke werden, nach dem Vorbild von Sony. Sie soll nicht den Chinese Way of Life in die Welt transportieren, denn der wird im Westen mit Konkurrenz und Abstiegsangst verbunden. China soll keine Rolle spielen, wenn man an Lenovo denkt – so wie Japan keine Rolle spielt, wenn von Sony die Rede ist. "Ideapad" heißt eine neue Serie von Minicomputern denn auch globalneutral. Den Namen IBM benutzen die Chinesen seit dem Frühjahr nicht mehr.