Walther Otremba?

Wie jeden Freitag hat sein Fahrer den Wagen gewaschen und noch einmal vollgetankt. Er hat ihn in den Innenhof des Ministeriums gefahren und gleich neben dem Hauseingang abgestellt, die Schnauze in Fahrtrichtung, sodass es nachher schnell losgehen kann. Die Seitenfenster hat er eine Handbreit offen gelassen, damit sich der Wagen in der Mittagssonne nicht allzu sehr aufheizt. Und dann ist der Fahrer nach Hause gegangen. So wie jeden Freitag.

Freitags braucht Walther Otremba keinen Fahrer. Da steuert er seinen Dienstwagen selbst.

Otremba hat das Jackett ausgezogen und hinten im Auto aufgehängt, seine Hemdsärmel sind hochgekrempelt. Er trägt das Hemd oben offen, nur der Krawattenknoten hält den Kragen zusammen, aber das ist bei ihm immer so. Er hat es nicht gern eng am Hals, er fürchtet dann, er könne ersticken. Otremba fährt jeden Freitag nach Hause, nach Sankt Augustin bei Bonn. Er genieße es, selbst zu fahren, sagt er, "die Fliegerei ist nicht so mein Ding", das lange Warten vor dem Abflug, die schmalen Sitzreihen im Flugzeug, alles eng, alles Zwang. In seinem Wagen ist er allein. Hier kann er in Ruhe telefonieren: mit dem Minister, mit Abgeordneten, mit Journalisten. Politik per Freisprechanlage macht er dann. Und hier im Auto hat er die meisten Ideen. Wenn man so will, sind viele Themen, die in den vergangenen zwei Jahren die Politik beschäftigten, auf der Autobahn zwischen Berlin und Bonn entstanden.

Walther Otremba, 56 Jahre alt, Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium: Offiziell gilt der Mann als politischer Beamter, tatsächlich aber ist er ein Politiker im Beamtenrang. Er ist auch der Kopf hinter dem Konjunkturprogramm, für das sich CSU-Wirtschaftsminister Michael Glos gerade starkgemacht hat – ein kalkulierter Affront gegenüber der christdemokratischen Kanzlerin und ihrem sozialdemokratischen Finanzminister.

Otremba füllt die ideologische Lücke, die in der CDU seit dem Rückzug von Friedrich Merz klafft. Weil die Fraktion keine Wirtschaftspolitiker von Format mehr hat, läuft jetzt vieles über ihn. "Er hat ein enormes Gespür für die politische Auseinandersetzung", sagt ein hochrangiger SPD-Politiker. "Er ist in Berlin bestens vernetzt", meint einer, der dort ebenfalls Fäden spinnt.

So entspricht Otremba überhaupt nicht dem Bild des klassischen Beamten, dessen Ziele von der Politik vorgegeben werden und der diese Ziele dann penibel umsetzen muss. Einerseits. Denn auf der anderen Seite achtet er genau darauf, in der ministerialen Hierarchie an der richtigen Stelle zu stehen: immer drei Schritte hinter dem Minister, ein treuer Diener seines Herrn. Er hat gesehen, wie es Joachim Wuermeling erging, einem Staatssekretär, den Glos nach 14 Monaten hinauswarf. Der hatte sich ins Licht gedrängt.