Die öffentliche Meinung des Volkes ist erwacht: sorgfältig gepflegt, reift sie bald zu ihrer bekannten unwiderstehlichen Allmacht. Sie ist es, welche die Wiedergeburt Deutschlands herbeyführen wird. In ihr, in dem Erwachen der öffentlichen Meinung begrüßen wir mit freudiger Rührung die Morgenröthe der deutschen Freiheit." Als Johann Georg August Wirth mit diesen Worten am 1. Juli 1831 die Deutsche Tribüne dem Publikum vorstellte, war die deutsche Gesellschaft in Bewegung geraten. Die französische Juli-Revolution von 1830 hatte überall in Europa das politische Leben mobilisiert. Ohne das Engagement von Zeitungen wären die Verfassungsreformen, die nun auch in deutschen Staaten erzwungen wurden, nicht möglich geworden. Die Deutsche Tribüne war daran führend beteiligt. Von Bayern aus wollte sie "das Verlangen nach constitutioneller Freiheit" in ganz Deutschland vorantreiben.

Verfassung, Parlament, Presse: In dieser Trias sah Wirth das Fundament für eine demokratische Zukunft. Für sie warb er mit seiner neuen Zeitung unermüdlich. Doch bereits nach 14 Tagen schlug die Zensur erstmals zu. Eine auf kurze Nachrichten verstümmelte Ausgabe informierte die Leser über den Eingriff der Obrigkeit. Am Tag danach wehrte sich Wirth mit einem "censurfreien Flugblatt": "Die Censur kann in unserer Zeit nur der Behelf der Schwäche und der Unwissenheit seyn;…in Widerspruch mit den geistigen Kräften der Völker und mit der unentbehrlichen Achtung der öffentlichen Meinung".

Der Kampf mit der Zensur gehörte zum täglichen Brot des unerschrockenen Redakteurs. Am 21. März 1832 musste er aufgeben. Die staatliche Repression hatte gesiegt – vorläufig. Wirth kapitulierte nicht. Er verlagerte nun sein Engagement. Nur zwei Monate nachdem er als Zeitungsherausgeber und Redakteur hatte aufgeben müssen, sprach er auf dem Hambacher Fest, um eine politische Öffentlichkeit zu schaffen. Er kam vor Gericht, wurde freigesprochen, dann doch verurteilt, schrieb im Gefängnis politische Schriften und ein wissenschaftliches Werk, floh in die Schweiz, kehrte zurück, als das politische Klima in den Staaten des Deutschen Bundes milder wurde, wirkte wieder als Journalist und ließ sich in die deutsche Nationalversammlung zu Frankfurt am Main wählen. Seinen Plan, die Deutsche Tribüne wieder aufleben zu lassen, um auf zwei Bühnen für einen deutschen Verfassungsstaat zu wirken, konnte er nicht mehr verwirklichen. Er starb am 26. Juli 1848.

Wer die jetzt in einem Reprint vorliegende Deutsche Tribüne liest, taucht in die heroische Zeit des deutschen Journalismus ein. Zu informieren und zu kommentieren, was sich in den deutschen Staaten und in Europa ereignete, Reformen zu verlangen, um die politische Ordnung zu liberalisieren, war gefährlich. Wirth sucht diese Gefahr. Ihr als politischer Aufklärer zu widerstehen, wurde seine Lebensaufgabe, der er alles unterordnete. Auch dazu informieren die drei Bände kompetent.

Die ersten beiden bieten alle Ausgaben der Deutschen Tribüne, die erschienen sind. Im dritten versammeln die beiden Bearbeiterinnen zusätzlich die von der Zensur unterdrückten Artikel und bieten Beispiele, wie andere Zeitungen auf die Tribüne eingingen. Untersucht wird auch, wie sie gegründet, finanziert und vertrieben wurde, auf welchen Wegen Wirth die Zensur zu umgehen suchte und staatliche Organe sich bemühten, ihn auf ihre Seite zu ziehen, wer Artikel verfasste und welche Zeitungen man auswertete. Fast 200 waren es! Zudem bieten die Bearbeiterinnen auf fast 500 zweispaltigen Seiten Erläuterungen zu jeder einzelnen Zeitungsausgabe und Überblicke zu den Themenschwerpunkten, welche die Tribüne in ihren Meinungsartikeln und im Nachrichtenteil anspricht. Register erschließen die Zeitung, und wer sich vertieft mit dem damaligen Europa beschäftigen will, erhält ein umfangreiches Literaturangebot.

Geboten wird also nicht lediglich ein Neudruck, sondern eine Edition, die dem Leser alle Informationen bereitstellt, um verstehen zu können, worüber dieses Hauptorgan der deutschen Opposition in der Ära der europäischen Revolutionen von 1830 schrieb. So entsteht ein lebendiges Panorama europäischer Politik aus der Sicht der demokratisch-liberalen Reformbewegung im Deutschland des Vormärz.

Deutsche Tribüne (1831–1832)