Kritik in Kürze

Auch der kritische Blick auf eine Beziehung muss nicht lieblos sein. Dies zeigt schon der Titel dieses Buches, das eine zweitausendjährige Trennung und Gemeinsamkeit eindrucksvoll durchleuchtet. Der Autor, Historiker an der Münchner Bundeswehrhochschule, hat das Thema erforscht und will uralte Klischeevorstellungen überwinden, indem er zeigt, wie in den Jahrhunderten vor dem Holocaust das Christentum immer "jüdischer" und das Judentum immer "christlicher" geworden war – wobei die Anführungszeichen beides relativieren. Und sehr relativ bleibt auch das Lob des Autors für die römisch-katholische Wende gegen den Antisemitismus beim Zweiten Vatikanischen Konzil: Es habe das Verbrechen des millionenfachen Judenmordes mit anderen Verfolgungen gleichgesetzt und so abgeschwächt. Noch immer fehle deshalb die "tragfähige Grundlage für einen christlich-jüdischen Dialog". Und dazu müssten, so fordert Wolffsohn, Papst und Kirche "den Doppelweg zu Gott anerkennen, den jüdischen und christlichen". Freilich, so lehrt die Geschichte, auch Umwege können zum Ziel führen… Hansjakob Stehle

Michael Wolffsohn: Juden und Christen – ungleiche Geschwister

Die Geschichte zweier Rivalen; Patmos Verlag, Düsseldorf 2008; 195 S., 19,90 €