Ein Land, eine Provokation. Es unterdrückt die Tibeter. Es klaut unsere Arbeitsplätze. Es kopiert unsere genialen Patente. Und vergiftet unsere Kinder mit bleihaltigem Spielzeug. Was liegt da näher, als mal ordentlich zurückzuschlagen? Wenn schon nicht mit einem Boykott der Olympischen Spiele, dann doch wenigstens mit einem Boykott beim Einkaufen. Hat denn nicht der Konsument alle Macht im Markt?

Sara Bongiorni hat es ausprobiert. Ein Jahr lang erklärte die Amerikanerin zusammen mit ihrem Mann und ihren zwei Kleinkindern den Einkaufskorb zur chinafreien Zone. Ein Jahr lang kein technisches Gerät, keine Plastikpuppen, keine Sonnenbrillen von der Werkbank der Welt. Sie merkte schnell: China hat mit seinen Produkten tatsächlich so ziemlich jeden denkbaren Lebensbereich erobert.

Wer China meiden will, braucht Ausdauer, Willen – und ein belastbares Bankkonto. Auf das neue Armband für die Uhr zu verzichten fällt der Autorin noch leicht, ihr Mann muss "widerstrebend ein Furzkissen in eine Ein-Dollar-Kiste" zurücklegen, aber schwieriger wird es dann bei den Konsumbedürfnissen der Kinder. Sohn Wes will unbedingt ein Lichterschwert, weil das gerade alle Kinder haben, aber das kommt eben auch aus dem verbotenen Land. Unvermeidlicherweise wachsen auch die Füße des Vierjährigen. Und Kinderschuhe aus dem Rest der Welt sind zur Rarität geworden, wie Bongiorni nach ausgiebiger Recherche in den entsprechenden Fachmärkten feststellt. Am Ende zahlt sie für ein Paar aus dem Katalog "made in Old Europe" 68 Dollar.

Diese Erfahrungen des selbst verordneten China-Entzugs sind anschaulich. Spannend würde es aber erst, wenn Bongiorni der Sache auf den Grund gehen und die Rede von der Macht des Konsumenten ernsthaft hinterfragen würde. Die Autorin verschenkt die Chance, anlässlich ihres Experiments zu untersuchen, ob der durchschnittliche Kunde überhaupt über die Herkunft der Produkte entscheiden will. Und ob er es überhaupt kann – oder ob er dem Angebot schlicht ausgeliefert ist? Schadet, wer "made in China" trotz aller Hürden boykottiert, tatsächlich China oder eher den westlichen Unternehmen, die dort produzieren lassen, weil der Kunde es billig will, "made in egal wo"zu egal was für Bedingungen?

Einzige Antwort auf die Frage, ob es gut oder schlecht für amerikanische Arbeitnehmer sei, dass die Amerikaner so viele Sachen aus China kaufen, liefert ein James Webb, der Bongiorni aus nicht näher erklärten Gründen zusammen mit Donald Rumsfeld im Traum erscheint. Webb sagt: "Das ist kein Zufall, kein Missgeschick. Es ist eine Entscheidung, die wir als Amerikaner getroffen haben." Im Traum verwandelt sich Rumsfeld dann in einen ägyptischen Präsidenten, der von Terroristen ermordet wurde.

So weit, so wirr. Bongiorni ist zwar laut Klappentext Wirtschaftsjournalistin, reflektiert die größeren makroökonomischen Zusammenhänge aber nur sehr oberflächlich und ganz am Rande. Lieber berichtet sie auf gefühlten dreißig Seiten über die Schwierigkeiten der Mäusejagd ohne Hilfsmittel aus China. Ihren Mann Kevin nennt sie "das schwächste Glied der Kette", und am Ende erklärt sie seine Teilnahme am Experiment zur puren Romantik: "Für mich, für die Liebe ist Kevin mit an Bord gekommen." An dieser Stelle möchte man nicht mehr China, sondern nur noch das Buch boykottieren. Anna Marohn

Sara Bongiorni: Ein Jahr ohne "Made in China"