Max Schmeling auch. Und Jack Dempsey. Und Albert Einstein. Colette, Breton, Chagall, Léger, Juan Gris. Die Lubitschs, Jannings, Asta Nielsen und Fritzi Massary. Heinrich Mann, Vita Sackville-West und die Mistinguett. Josephine Baker, André Gide und Paul Valéry. Sie fotografiert die Damen des englischen Adels und die Herren der römischen Kurie, Berlins Bohème, Europas Avantgarde, Hindenburg und Mussolini und Jimmy Walker, den wilden Bürgermeister von New York. Die Riess fotografiert sie alle.

"Die Riess" oder "Frau Riess" heißt sie nur in den Elogen, die Berlins Feuilletonisten ihr zu Füßen legen, dieser gefeierten Porträtistin, geboren 1890 als Frieda Gertrud Rieß, tief in der Provinz bei Posen, und seit 1917 am Kurfürstendamm 14/15 zu Hause, Atelier Riess, 3. Stock. Mit der Mutter und ihren beiden Brüdern ist sie nach dem Tod des Vaters in die Hauptstadt gezogen, hat bei Hugo Lederer, dem Schöpfer des monströsen Bismarck- und des filigranen Heine-Denkmals in Hamburg, Lektionen genommen, die Kunst der Proportion studiert – und sich der Fotografie zugewandt. Eine Lichtbildhauerin ist sie dann auch geworden; ein Fotoporträt von ihr zählt so viel wie eine Büste aus Marmor.

In der Galerie Flechtheim stellt sie aus, 1925, die Kritiker überschlagen sich. Kurt Pinthus schwärmt von Bildern, "in denen Licht und Dunkel im Linienfluß der Körperformen zu berückender Harmonie ineinanderschweben". Nur Karl Scheffler kritisiert "das Bestreben, durch Schummerigkeit Stimmung zu erzeugen", und wähnt schon "einen Feuilletonismus am Werk, der auf die Dauer die Vorzüge" ihrer Kunst "paralysiert". Da fotografiert sie längst für alle großen Blätter der Republik, darunter das intellektuell eleganteste Magazin überhaupt, der Querschnitt. In London, in Paris, in Rom lassen sich Ministergattinnen und Diplomatentöchter von ihr porträtieren. Über Margherita Sarfatti, Mussolinis Pompadour, Jüdin wie sie, wird sie dem Duce vorgestellt; das Foto von ihm sollte sie zeitlebens begleiten. Ihre Schwäche für Männer, die ein gewisses Dandytum mit nietzscheanischer Dröhngebärde zu verbinden wissen, ist notorisch. Der Autor Rudolf Leonhard, heftiger Sozialist und Pazifist, bleibt nur kurz ihr Ehemann. Mit Gerhart Hauptmann verbindet sie eine Freundschaft, mit Gottfried Benn eine Affäre. Die Verse, die er ihr für einen Katalog schreibt ("Die Gestalten, die Striche, / tief in der Tusche des Lichts, / auf der Platte die Iche / – Züge des Nichts"), sind bennster Benn.

Sie verliebt sich in den französischen Botschafter, einen dreißig Jahre älteren Edelmann, "altfranzösische Type, kultiviertest", wie Klaus Mann maliziös bemerkt. Als er 1932 nach Paris zurückkehrt, geht sie mit. Hier beginnen sich ihre Spuren zu verlieren. Aus Thea Sternheims Tagebüchern erfahren wir noch, wie sie krank wird, an den Rollstuhl gefesselt, wie sie, offensichtlich zunehmend verbittert, weiter vereinsamt, mit Glück dem Holocaust entgeht und den Krieg übersteht. Mitte der fünfziger Jahre muss sie gestorben sein. Niemand weiß, wo sie begraben liegt.

Ihr Name war ausgelöscht. Ullsteins Bilderdienst hielt noch viele ihrer Porträts in seinem Archiv, doch "Riess" sagte niemandem mehr etwas. Erst jetzt haben, nach Vorarbeiten der Essener Folkwang-Kuratorin Ute Eskildsen und des Marbacher Fotokenners Michael Davidis, Marion Beckers und Elisabeth Moortgat vom Verein Das Verborgene Museum ihr Werk für eine Ausstellung in der Berlinischen Galerie neu zusammengesetzt. So wird ihre Handschrift wieder lesbar gemacht, steht sie wieder neben all den anderen genialen Fotografinnen der Zeit wie Lotte Jacobi, Germaine Krull oder den jüngeren Marianne Breslauer und Gisèle Freund. Dass "das Œuvre der Riess ein Museum unserer Zeitgenossen" sei, hat schon 1925 Kurt Pinthus festgestellt. Uns heute aber erinnert diese hinreißende Ausstellung wieder einmal an die Weimarer Republik, an die zweite Weimarer Klassik, an eine der großen Kunstepochen Europas. Benedikt Erenz

Berlinische Galerie, Berlin, Alte Jakobstraße 124–128, bis zum 20. Oktober. Der schöne Katalog (Wasmuth Verlag) kostet in der Ausstellung 32 Euro

In Begleitung: Links mit den Boxern Hermann Herse, Max Schmeling und Ensor Fiermonte (1927), oben mit Papagei (Selbstporträt, 1922)"Berückende Harmonie" – ein besonderer Erfolg wird dieses Porträt der Bildhauerin Renée Sintenis (1925)Die Dichter Gottfried Benn (um 1924, o. l.) und Max Herrmann-Neiße (1922, u. r.), der Maler Marc Chagall (1924, o. r.) – und Benito Mussolini, den die Riess zum brachialen Dandy stilisiert (Reproduktion, 1929, u. l.)Pariser Momente: Der Dichter und spätere Nobelpreisträger André Gide, 1925Römische Szenen: Diana Váre, Tochter des italienischen Botschafters in China, 1931