Stillleben? Ja, natürlich, und oft gezeigt: diese üppigen Blumenbouquets, funkelnden Gläser, Obstkörbe, Tafelsilber und Porzellan, Buch und Brille, dann und wann ein aufgehängter Hase. Bei näherem Hinsehen hat allerdings der prächtige Tulpenstrauß, made in Holland, schon ein paar welke Momente. Irgendwo kriecht eine Raupe, sitzt ein Käfer, eine Maus wittert Morgenluft mit Käseresten. Stillleben sind nicht nur Idyllen, weshalb sie französisch auch nature morte heißen. Im 17. Jahrhundert, als dieses Genre seine frühen und bald luxuriösesten Blüten trieb, war das Stillleben mit allen seinen direkten und metaphorischen Hinweisen auch ein Lehrstück, ein Memento mori. Oder ein Trompe-l’Œuil, eine Augenwischerei, die Grenzen von Realität und Fantasie verwischend. Wie sehr diese oft elaboriert komponierten Bilder, die natürlich auch eine Augenfreude sind, erotische Allusionen inclusive, dem Bedürfnis eines bürgerlichen Publikums entsprachen, zeigt in diesen Tagen eine Ausstellung der Hamburger Kunsthalle. Diese weitgehend aus eigenen Beständen gemachte Ausstellung sagt etwas über Hamburger Sammler der Vergangenheit und heutige Möglichkeiten, selbst bei Null-Etats intelligente Ausstellungen zu erfinden. Dass Beispiele aus der Gegenwartskunst zu sehen sind, hebt sie ab von anderen Bemühungen um dieses offensichtlich zeitgemäße Thema. (Spiegel geheimer Wünsche – Stillleben aus fünf Jahrhunderten; Hamburger Kunsthalle bis zum 5. Oktober 2008; Katalog hrsg. von Hubertus Gaßner und Martina Sitt; Hirmer Verlag, München 2008; 212 S., Abb., 34,90 €). P.K.

Abb.: Bernhard Prinz "Ohne Titel 1996"; courtesy Produzentengalerie Hamburg; aus dem besprochenen Katalog