Auf fast vierzig Jahre Mitgliedschaft beruft sich Clement, Toskana-gebräunt und offensichtlich gut gelaunt. Achtunddreißig sind es, um genau zu sein: zwei weniger, als ich sie nachweisen kann. Während des Nürnberger Parteitags 1968 habe ich aus schierer Wut dem Vorsitzenden Willy Brandt meinen Beitrittswillen gemeldet – ein spontaner Protest gegen den Flegelfanatismus einer Handvoll Ultralinker, die Brandt und Wehner wegen der Großen Koalition und der Notstandsgesetze eine Abreibung zu verpassen versuchten. Die roten Jungakademiker, die damals in meinem Ortsverein die biederen Altgenossen (deren Tagwerk um sieben in der Früh begann) in Grund und Boden agitierten, hätten mich am liebsten gleich nach dem Eintritt wieder vor die Tür gesetzt, weil ich den Arbeitern (den wenigen) und den kleinen Bankangestellten riet, die Dutschke-Epigonen ein ums andere Mal mit dem Geständnis zu nerven, sie hätten kein Wort begriffen. Die studierten Junggenossen sollten ihnen doch bitte in einfachen Worten erklären, was sie unter der Sozialverträglichkeit einer Transformation des Schrebergartensystems in kommunale Nutzflächen zum Zwecke des kollektiven und regierungskontrollierten Haschischanbaus zu verstehen hätten.

Genosse Wolfgang hat sich in den vergangenen vier Jahrzehnten vielleicht nicht ganz so oft gefragt wie ich, ob es nicht an der Zeit sei, dem Scheißverein Adieu zu sagen: zum Beispiel als der Vulgärjesuit aus dem Saarland dem gutartigen Bundeslangweiler Scharping mit einer Trommelpredigt die Parteiführung unterm Hintern fortgekickt hat, einer Rede wohlgemerkt, die sich (beim Nachlesen) als eine Explosion heißer Luft erwies. Verdrossen ließ man dennoch nicht davon ab, seinen Zehnten an die Parteikasse zu entrichten, weil man es halt auch nicht übers Herz bringt, aus der Kirche auszutreten, obschon die Glaubensgewissheiten sacht verblassten. Vielleicht wurde der Sprecher Willy Brandts, der Ministerpräsident, der Bundesminister Clement von solchen Anfechtungen nicht ganz so unsanft heimgesucht wie ein schreibender Exot, der überdies seine journalistische Unabhängigkeit keinesfalls der Parteidisziplin unterwerfen durfte.

Sagte jemand "Kirche"? Das nun gerade nicht. In Godesberg hat sich die SPD von dem Wahn verabschiedet, sie müsse den Proleten, den verschwärmten Poeten und verschwiemelten Intellektuellen als Ersatzreligion dienen. Keine Heilslehre, keine Dogmen, keine verschworene Gemeinschaft, keine Gelübde mehr. Damit auch keine "unverbrüchliche" Solidarität (die es ohnedies niemals gab) – und keine Schismen, es sei denn in der scharfen Abgrenzung zu autoritären und totalitären Konkurrenten. Wie spottete der große Willy? Er wäre ja auch Sozialist, wenn er wüsste, was das sei.

Solidarität: Fragte einer nach der des Genossen Lafontaine? Es war trotzdem absurd, dass der grundkluge Clement vor der Hessenwahl davor warnte, die Genossin Ypsilanti in den Sattel zu heben und damit auch ihre problematische Energiepolitik abzusegnen. Das heißt keineswegs, dass er einen Maulkorb akzeptieren müsste, im Gegenteil: Das Tabu der quasireligiösen Verteufelung der Atomenergie ist tatsächlich fragwürdig – ein Aberglaube, der in der Psyche mancher Genossen so fundamental, so fundamentalistisch verwurzelt zu sein scheint wie einst der heilig-deutsche Wald in den Seelen der urgrünen Jünglinge und Jungfern. Diese Diskussion ist fällig. Jeder Blick auf die Zapfsäule und unsere russische Gasrechnung beweist es. Zugleich könnte Clement geltend machen, dass keine Solidarität fordern sollte, wer sich auf eine Mesalliance mit Lafontaine einzulassen bereit ist, diesem Vorstadtagitator und Juxlinken, der sich tagaus, tagein auf Willy Brandt beruft, der nichts mehr mit ihm zu schaffen haben wollte.

Was wäre eine SPD noch wert, die keinen Wolfgang Clement und seinen Mut zum Tabubruch ertrüge? Nicht mehr als das Kaninchen, das vor der linken Klapperschlange erstarrt, die obendrein mehr Klapper als Schlange ist und in Wahrheit aus dem altmarxistischen Kuriositätenkabinett stammt. Clement ist unbequem. Er denkt nach vorn – wie einst sein Freund Gerhard Schröder, der die Wahl 2005 fast noch gestemmt hätte: gegen die Lethargie der Partei, immerhin ihn an seiner Seite. Es braucht die Clements im Willy-Brandt-Haus dringender als in den Aufsichtsräten.

Der Publizist Klaus Harpprecht war von 1972 bis 1974 Chef-Redenschreiber von Bundeskanzler Willy Brandt