Die ewige Frage, die gerne in Festvorträgen und Poetikvorlesungen diskutiert wird, die Frage nach der Wirksamkeit der Literatur, ist für das 20. Jahrhundert von keinem Werk so nachhaltig beantwortet worden wie vom Werk des russischen Schriftstellers Alexander Solschenizyn, der jetzt im Alter von 89 Jahren gestorben ist. Solschenizyn war sicherlich nicht der größte Schriftsteller jener furchtbaren Epoche, die von zwei mörderischen Kriegen und zwei ebenso mörderischen Ideologien gezeichnet war, aber er war einer ihrer wirkungsmächtigsten und folgenreichsten. Er war dies nicht aus Kalkül oder gar Anmaßung, sondern er besaß Autorität kraft seiner in jeder Hinsicht beispielhaften Biografie, die von einem ursprünglichen moralischen Empfinden und einem tief verankerten Christentum bestimmt war. Den Verlockungen des Zynismus ist er nie erlegen, und die Bilder, die von ihm um die Welt gingen, zeigten das alterslose Gesicht eines Patriarchen, dem Güte ebenso naheliegt wie heiliger Zorn.

Sein bedeutendstes Werk, Der Archipel Gulag, eine dreibändige dokumentarische Aufarbeitung des stalinistischen Systems, hat dazu beigetragen, dem Jahrhundert am Ende eine glückliche Wendung zu geben. Mit nur geringer Übertreibung kann man sagen, dass der Archipel Gulag den Zusammenbruch des Kommunismus eingeleitet hat – so wie ein kühner Kämpfer, der im rechten Augenblick eine Bresche in die Bastion schlägt, einen übermächtigen Gegner zu Fall bringen kann. Mehr als zehn Jahre hat er an diesem Werk gearbeitet. Es ist gewidmet "all jenen, die nicht genug Leben hatten, um dies zu erzählen. Sie mögen mir verzeihen, dass ich nicht alles gesehen, nicht an alles mich erinnert, nicht alles erraten habe."

Es war klar, dass diese Abrechnung mit dem totalitären Kommunismus in der Sowjetunion nicht würde erscheinen können, wobei "Abrechnung" nicht das richtige Wort ist; eher handelt es sich um die mit leidenschaftlicher Kälte betriebene, von zahllosen Zeugenaussagen unterstützte Beweisaufnahme vonseiten der Opfer. Das Buch sei, hat er später einmal gesagt, "mit dem Blut von Millionen geschrieben". 1973 entdeckte der sowjetische Geheimdienst KGB das versteckte Manuskript. Eine Vertraute des Schriftstellers, die den KGB auf die Spur gebracht hatte, beging Selbstmord. Die im Untergrund vorhandene Kopie gelangte nach Paris, und dort, im Jahr 1974, erschien Archipel Gulag – GULag ist die Abkürzung für Glawnoje Uprawlenije Isprawitelno-trudowych Lagerej und bezeichnet die "Hauptverwaltung der Besserungsarbeitslager".

Er zeigte den linken Intellektuellen das Totalitäre am Kommunismus

Die Wirkung war gewaltig. Zunächst für den Autor selbst, denn er wurde sofort ausgewiesen (am 12.Februar 1974), kam zunächst in die Bundesrepublik, wo er von Heinrich Böll und seinem früheren Lagergenossen Lew Kopelew herzlich aufgenommen wurde, ging dann nach Zürich, schließlich in die USA nach Vermont, wo er siebzehn Jahre lebte und seinen umfangreichen Zyklus Das Rote Rad über den Ersten Weltkrieg schrieb.

Die Wirkung aber im Westen war noch bedeutender. Sie führte dazu, dass die in ihrer Mehrheit prokommunistischen französischen und italienischen Intellektuellen mit einem Schlag den Charakter jenes menschenfeindlichen Zwangssystems begriffen, das der Kommunismus immer auch gewesen war. Die kommunistischen Parteien des Westens machten sich frei von sowjetischer Bevormundung und entwickelten eigene politische Vorstellungen, die in die Idee eines Eurokommunismus mündeten, der allerdings nicht von langer Dauer war. Hier liegt der Anfang vom Ende der Internationale. Plötzlich wurden auch wieder die Bücher der Renegaten gelesen, etwa Arthur Koestlers Sonnenfinsternis, die intimste Studie über den Stalinismus, die je erschienen war und schon 1946 in Frankreich für größte Erregung gesorgt hatte.

In Westdeutschland war die Lage komplizierter. Die gerade in den sechziger Jahren ernsthaft in Gang gekommene Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus führte zu einer Links-rechts-Polarisierung, und in den Augen der meisten kritischen Intellektuellen befanden sich Antifaschismus und Kommunismus in logisch-freundlicher Nähe. So konnten sich etwa die nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns (1976) aus der DDR in die BRD gegangenen Schriftsteller bei den Konservativen zuweilen besser aufgehoben fühlen als bei den Linken, wo man von den Repressionen im Ostblock nur ungern hörte. So kam es, dass der Archipel Gulag in der BRD zunächst nur zögernd rezipiert wurde, dann aber auch hier seine ernüchternde Wirkung entfaltete.