Die Erzählung Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch war nicht das erste Stück Prosa, das am Mythos der Sowjetunion Lenins und Stalins rüttelte, der angeblichen Heimat und Sehnsucht aller Werktätigen weltweit. Vorher erschienen Koestlers Sonnenfinsternis und eine Flut von Artikeln über Straflager und die Moskauer Prozesse. Hunderttausende deutscher Kriegsgefangener trugen bitteres Erleben von Hunger und Tod in die Heimat zurück; sie waren im Schacht, auf den Feldern und Baustellen ungezählten Häftlingen aus allen Nationen des Riesenreiches begegnet. Im Westen konnten alle alles wissen, wenn sie nur wollten.

Aber dieses Buch, von einem Mann geschrieben, der seine Erfahrungen aus dem Gulag mitbrachte, degradierte alles Bisherige zu Vorstudien. Moskaus Kulturfunktionäre waren entsetzt. Doch Chruschtschow setzte die Veröffentlichung in Nowy Mir durch, denn die Erzählung unterstützte seine Politik, gröbstes Unheil zu mindern und alle Schuld Berija aufzuhalsen, es war eine Frischzellenkur, ohne das System ins Wanken zu bringen, "die oben" blieben unerwähnt. Nicht lange hielt das Tauwetter an, die Nachfolger zogen die Kandare erneut straff, und die Verfolgungen Solschenizyns, die schließlich zur Ausbürgerung führten, setzten wieder mit aller Wucht ein.

Für die Westdeutschen wurde Solschenizyn zum Aufklärer, für die DDR zum Feind. Alle Volksdemokratien brachten wenigstens die Denissowitsch- Novelle heraus, nur der Zensurminister der DDR, Klaus Höpcke, rühmte sich noch am Ende seines Staates, sie verhindert zu haben.

Der in Weimar lebende Schriftsteller Harry Thürk verfasste mit überdeutlichen Anspielungen auf Solschenizyn den Roman Der Gaukler, schildernd, wie die CIA einen durchgeknallten drittklassigen russischen Schreiberling zum Dissidenten aufbaut. Es mangelte nicht an Pornografie und allen Gemeinheiten niedriger politischer Kolportage. Der Gaukler erfuhr durch die DDR-Kritik höchstes Lob, das Kulturministerium stellte Papier für mehrere Hunderttausend Exemplare bereit. Höpcke hatte seinen Renner.

Als Alexander Solschenizyn schließlich die Sowjetunion verlassen durfte, fand er erstes Asyl bei Heinrich Böll nahe Köln. Als Andrej Sacharow wenig später den gleichen Weg ging, schrieb der DDR-Dramatiker Peter Hacks in der Weltbühne, habe er im Gastbett Bölls noch die Läuse Solschenizyns vorgefunden. Wer in der DDR ein Buch von Solschenizyn weitergab, konnte dafür in den Knast gehen. Dieser Staat, gierig, von aller Welt anerkannt zu werden, scheiterte auch daran, dass er Weltliteratur in den Giftschrank sperrte.

Der Schriftsteller Erich Loest, geboren 1926 im sächsischen Mittweida, erlitt selbst das Schicksal eines politischen Häftlings im Staatssozialismus. Nach dem Zweiten Weltkrieg war er in die SED eingetreten, arbeitete als Journalist und schrieb Prosa. 1957 wurde er wegen angeblicher "konterrevolutionärer Gruppenbildung" zu siebeneinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt, die er in Bautzen verbüßte. 1990 rehabilitiert, kehrte er 1998 endgültig nach Leipzig zurück. Zu seinen wichtigsten Werken zählen "Jungen die übrigblieben" (1950), "Durch die Erde ein Riss" (1981), "Nikolaikirche" (1995). Zuletzt erschien im Steidl-Verlag "Prozesskosten" (2007), demnächst kommt eine Neufassung seines Romans "Völkerschlachtdenkmal" heraus