Immer wieder sind Wanderer an ihr vorbeigekommen. An der unscheinbaren Hütte auf der Spandl-Alm im Salzburger Lungau. Zwei Tische mit Holzbänken vor der Veranda luden zur Rast nach dem Aufstieg vom Tauernpass. Auf einer schwarzen Tafel versprach der Wirt dem Gast Käse, Most und Brot aus eigener Erzeugung. Doch ein Schild machte jede Hoffnung zunichte: "Heute Ruhetag". Was die Wanderer nicht wussten: Diese Raststation hatte immer Ruhetag. Hinter der versperrten Holztür herrschte auch keine alpine Gemütlichkeit in der Gaststube. Hier lagerten Waffen in einem geheimen Bunker: Maschinenpistolen, Scharfschützengewehre, Granatwerfer, Panzerabwehrrohre. Ein Geschütz stand bereit, das Tal in sein Visier zu nehmen.

Bis 1995 gab es in ganz Österreich, auf Bergen und in Wäldern versteckt, insgesamt 550 solcher Militärdepots. Das waren die Sperranlagen des österreichischen Bundesheeres, die das Land in eine Festung verwandeln sollten. Heute sind davon noch rund 90 erhalten. Überreste aus der Zeit des Kalten Krieges, in dem der neutrale Kleinstaat von Nato-Truppen und den Armeen des Warschauer Pakts umzingelt war. Für die Militärplaner war es damals nur eine Frage der Zeit, bis es zu einer bewaffneten Konfrontation auf österreichischen Boden kommen würde. In den Sperranlagen sollten sich die Soldaten verschanzen und die Festung Austria verteidigen – eine Zeit lang zumindest. Die Schanzarbeiten waren streng geheim, nur die Staatsspitze war eingeweiht. Das Bundesheer hatte das Gelände rund um die jeweiligen Trutzstellungen für 99 Jahre gepachtet. Die Grundbesitzer ließ man im Ungewissen.

Das größte Sperrfort befand sich am Wurzenpass in Kärnten: insgesamt sieben Bunker, befestigte, teilweise unterirdische Laufgräben, Flugabwehrstellungen, Lazarett und Stromaggregate. Nach einem der alten Operationspläne hätten über diesen Alpenübergang etwa ungarische Truppen in das italienische Kanaltal vordringen sollen, wie auch eine historische Studie der ETH Zürich belegt.

Und hier hätte Andreas Scherer auf die Eindringlinge gewartet. Der 41-jährige Kärntner war bis 1994 Kommandant der Sperrkompanie Wurzen 73. Sein Arbeitsplatz war zwei Kilometer von der slowenischen Grenze entfernt. In dem weitläufigen Stollensystem konnten sich die 250 Männer der Besatzung wie blind bewegen. "Der Sperrwert unserer Anlage war sehr hoch", sagt Scherer stolz. Sieben Jahre lang bereitete er sich auf den Ernstfall vor. Er war davon überzeugt, mit seinen Soldaten einen Angreifer aufhalten zu können. Zunächst hätten die Verteidiger die Straße mit Stecksperren, die durch den Asphalt tief in das Erdreich eingelassen worden wären, blockiert. Anschließend hätten sie das feindliche Räumkommando unter Feuer genommen und die Hänge links und rechts der Fahrbahn abgesprengt. Die Felstrümmer sollten die vordringenden Kolonnen unter sich begraben. Dann erst wären die Panzerabwehrkanonen zum Einsatz gekommen, die bis zu diesem Zeitpunkt noch als Hütten getarnt waren. Es hätte kein Entrinnen aus diesem alpinen killing field gegeben. "Wir haben alle an das Konzept geglaubt", sagt Scherer.

Ein Paralleluniversum aus Stahlbeton und Munitionsschächten

Solche Abwehrgefechte standen im Zentrum der Raumverteidigungsstrategie, die der damalige Armeekommandant Emil Spannocchi von 1970 an entwickelte. Ziel dieser "Spannocchi-Doktrin" war es, einen Aggressor nicht in einer offenen Feldschlacht besiegen zu wollen (was ja angesichts der Kräfteverhältnisse eine Illusion gewesen wäre), sondern ihn in zahllosen Scharmützeln an Sperrstellungen und durch Sprengungen derart zu zermürben, dass er ein mögliches Vorrücken auf österreichisches Territorium als zu verlustreich erachten musste. Dafür errichtete das Bundesheer ein militärisches Paralleluniversum, das weitaus mehr zu bieten hatte als getarnte Panzerkanonen und Bunker. So war das Autobahnnetz bis 1995 mit etwa 150 Sprengschächten ausgestattet. Der Ernstfall wurde alle zwei Jahre geübt. Der entsprechende Autobahnabschnitt wurde als Baustelle getarnt. Soldaten holten den Sprengstoff aus den Depots und stopften ihn in die Schächte unter der Fahrbahn. Fünf Meter von dem Manöver entfernt floss der Verkehr indes ungerührt auf der baustellenverengten Autobahn weiter.

Auch die Bahn war in die Verteidigungsvorbereitungen einbezogen. Die ÖBB musste 150 Dampflokomotiven in Schuss halten. Sie wären bei kriegsbedingtem Stromausfall zum Einsatz gekommen, um Nachschub und Truppentransporte zu sichern. Außerdem sollten sie mit Beton gefüllte Güterwaggons in Tunnels schleppen, denen dort die Achsen weggesprengt worden wären, um eine Durchfahrt zu blockieren.