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Tillmann Prüfer fragt: Warum sind Modedesigner fasziniert von Puppen?

Das Designerduo Viktor&Rolf ist eines der großen Rätsel der Mode. Kaum jemand kennt jemanden, der ihre Kleider trägt – aber jeder kennt die Auftritte der beiden Niederländer. Erst verstanden es Viktor Horsting und Rolf Snoeren, Mode zu Kunst zu machen. Und nun entwickeln sie ein beneidenswertes Geschick dabei, Kunst in Kommerz umzusetzen. Gerade wurde bekannt, dass der italienische Modemagnat Renzo Rosso, der die Jeansfirma Diesel gegründet hat, das Label Viktor&Rolf aufgekauft hat. Das bedeutet mehr Kapital und mehr Publicity. Obwohl beide es ohnehin schon brillant verstehen, auf sich aufmerksam zu machen. Als die Anschläge des 11. September die Welt erschütterten, griffen sie die Gefühlslage auf und schufen eine Kollektion, die komplett in Schwarz gehalten war – und von völlig schwarz geschminkten Models präsentiert wurde. Sie stellten später die Leidensfähigkeit ihrer Models auf die Probe, als sie diese mit umgeschnallten Lichtmasten auf den Laufsteg schickten. Jedes Kleid beleuchtete sich gewissermaßen selbst.

Die beiden sind noch keine 40 Jahre – aber ihr Einfallsreichtum hat schon Modegeschichte geschrieben. Die Marke feiert ihr 15-jähriges Bestehen mit einer Retrospektive in der Londoner Barbican Art Gallery. Noch bis zum 18. September sind dort die Entwürfe von Viktor&Rolf zu sehen. Allerdings nicht ohne eine Note Surrealismus. Das Zentrum der Ausstellung ist ein – Haus mit 55 Porzellanfiguren. Auf die Puppen sind mit einer verzückenden Detailtreue die Entwürfe des Duos geschneidert.

Damit wollten sie zurück zu ihren künstlerischen Wurzeln, erklärten Viktor&Rolf der Vogue. Schließlich hatten sie schon vor ihren ersten Shows in Paris Puppenstuben gebastelt. Ihr eigentliches Kunstwerk besteht allerdings darin, dass sie noch immer auftreten wie zwei verträumte Jungs und gleich- zeitig lukrative Deals mit Konzernen abschließen – für H&M schneiderten sie eine Kollektion; L’Oréal vertreibt ihr Parfüm Flowerbomb – unverwechselbar im Handgranaten-Flakon – nun auch als für die Ausstellung entworfene Sonderedition, mit kleinen Figuren im Duftfläschchen. Wer die Retrospektive besucht, bekommt den Eindruck, dass die Kleider eher für die Kunstwelt von Porzellanpüppchen gemacht sind als für echte Frauen. Vielleicht ist das der Kern des Werks von Viktor&Rolf: dass sie die Welt zu ihrem Puppenhaus gemacht haben.

Püppchen im Flakon: Die Sonderedition des Viktor&Rolf-Duftes Flowerbomb ist nur im Shop des Londoner Barbican Centre erhältlich, für 80 Pfund

Foto ––– Peter Langer ZEIT magazin Leben