Dreihundert Meter nördlich von meiner Wohnung beginnt der Prenzlauer Berg – ich habe also Glück gehabt. Ich wohne in Mitte, und hier, am Zionskirchplatz, sieht es wie in Mitte aus, wahrscheinlich, weil ich weiß, dass hier Mitte ist, aber auch, weil der Platz mit der großen dunkelroten Kirche, den ewig rauschenden Bäumen und dem Straßengewirr um ihn herum weniger rau und zugig ist als der Teil von Berlin, der auf der anderen Seite der Kreuzung liegt, fast schon in Polen, Russland, Usbekistan.

Und die Menschen? Die sind hier auch ganz anders als jenseits der Schwedterstraße und der Kastanienallee. Sie sind alle unter dreißig – außer mir natürlich –, sie denken meist an ihr Studium, an die neuen Clubs am Schlesischen Tor oder daran, wann der Schlussverkauf bei Acne und Murkudis in der Münzstraße beginnt. Die Menschen von Prenzlauer Berg stellen dem Leben tiefere Fragen. Sie überlegen, in welchen Kindergarten sie ihre ungeborenen Kinder schicken werden, wer beim nächsten Sommerhoffest den Aufräumdienst übernehmen soll, wie viel Geld man spart, wenn man jetzt schon das Haus auf Kreta für 2009 bucht – und sie kaufen alle bei der LPG, dem neuen großen Bio-Supermarkt am Senefelderplatz, ein. Ich seit diesem Sommer auch.

Ich bin natürlich nicht glücklich darüber – aber ich will nicht ständig in Gordon’s Imbiss auf der Kastanienallee Naan-Pizza essen oder zu Hause Instant-Nudelsuppen vom Vietnamesen mit Krabbengeschmack. Außerdem kann ich, wann immer ich die großen, hellen Hallen der LPG am Senefelderplatz betrete, den Menschen von Prenzlauer Berg dabei zusehen, wie sie ihre Kinder erziehen und sie dafür noch mehr hassen. Neulich hörte ich zum Beispiel eine dickliche Rothaarige mit einem ahnungslosen Gesichtsausdruck zu ihrer Tochter sagen: "Du hast mehr Talente als dein Bruder. Der sagt zwar immer das Gegenteil, aber das ist gelogen." Ich habe lange über den Sinn dieser Sätze nachgedacht, vor allem, weil die Tochter – acht oder neun Jahre alt – auch ziemlich rothaarig und dicklich und dumm aussah. Ein anderes Mal saß ich nach dem Schwimmen in der LPG-Cafeteria, las wie immer nur die Artikelanfänge im neuen New Yorker und aß Schweinegulasch mit Spätzle und süßem Karottensalat. Alles war, wie es sein sollte, und ich dachte gar nicht mehr daran, dass der Ort, an dem es mir so gut ging, in Prenzlauer Berg lag.

Dann merkte ich, dass doch etwas nicht stimmte. Am Tisch gegenüber saß eine junge Familie. Die Frau – mittelgroß, kurze, braune, glatte, glänzende oder fettige Haare – stillte vor meinen Augen an ihrer großen Brust ein Baby. Er, Typ "Künstler, aber Werbeagentur", saß wie ein Fremder daneben, trank einen Espresso und sah von Zeit zu Zeit deprimiert zu dem zweiten Kind. Es war nicht älter als drei, es klebte fest angeschnallt wie ein Kosmonaut beim Start in einem von diesen futuristischen Kinderwagen, es stöhnte, seufzte, schrie und versuchte ständig, sich windend zu befreien. Ich sah ein paarmal verächtlich den Vater an, und irgendwann beugte er sich zu seinem weinenden Kind und flüsterte ihm etwas ins Ohr und deutete auf mich. Das Kind runzelte die Stirn, guckte mich erschrocken an und wurde stumm wie ein Toter. Was hatte der Vater zu ihm gesagt? "Es tut mir leid, dass ich dich in Ketten legen musste, aber ich hasse dich, deinen Bruder und deine Mutter." Nein, schon eher: "Hör sofort auf! Du störst die anderen Leute."

Danach hatte ich für ein paar Tage genug vom Prenzlauer Berg. Wenn ich Hunger hatte, machte ich mir ein Käsebrot oder fuhr zum Rosenthaler Platz runter, wo es für zwei Euro eine Focaccia-Pizza gibt, von der mir nicht schlecht wird. Aber dann war das naturtrübe Emmer-Bier alle, das es nur in der LPG gibt, und ich musste hin. Zuerst ging alles gut. Die Leute in der LPG-Cafeteria schauten nicht so grimmig und ungeduldig wie sonst auf das Essen in den Vitrinen, weil sie es noch nicht hatten, und ich entdeckte in der Obstabteilung sogar ein lachendes Mädchen mit schwarzen Locken auf den Schultern ihres Vaters, der die gleichen Locken hatte.

Ich wollte gerade bezahlen, als es passierte. An der Kasse nebenan stand eine ungewöhnlich kleine, grauhaarige Dame, wie sie sonst in Tel Aviv im Café Mersand oder in Madrid im Gijon sitzen. Hinter ihr sprang ein kleines, bleiches, ernstes Mädchen hin und her, das immer wieder den riesigen Einkaufswagen gegen sie stieß. Dreimal drehte sich die alte Dame zu der Mutter lächelnd und verlegen um, beim vierten Mal bat sie sie, ihrer Tochter etwas zu sagen. "Das geht nicht", sagte die Mutter – Mitte vierzig, graue Haut, gestreiftes Stirntuch –, "mein Kind ist antiautoritär erzogen!" Die alte Dame sah kurz nachdenklich hinter sie ins Nichts. Dann nahm sie vom Laufband einen Becher mit Kefir, öffnete ihn, kippte den Kefir langsam über den Kopf des ernsten Mädchens und sagte: "Ich auch."

Ich hätte genau dasselbe getan, dachte ich, als ich später wieder zu Hause war, ich trank mein naturtrübes Bier und wunderte mich, wie schnell es geht, dass ein Mensch zum Tier wird. Und das war es eigentlich, was ich heute erzählen wollte. Maxim Biller