In seinem Artikel Willkommen im Atomclub (ZEIT Nr. 31/08) reiht sich Jan Roß in die Fraktion derer ein, die lernen, die indische Bombe zu lieben. Doch das Argument, bei Indien handele es sich um eine Demokratie, also seien deren Kernwaffen nicht so schlimm, ist unglaubwürdig.

Denn erstens wurde der bislang einzige Atombombeneinsatz von einer Demokratie verübt – den Menschen in Hiroshima und Nagasaki dürfte es egal gewesen sein, dass ihre Städte durch "demokratische" amerikanische Atombomben ausradiert wurden.

Zweitens ist die permanente Sorge über Diktaturen, die nach Kernwaffen streben, verlogen. Groß war die Panik, als sich Maos China anschickte, Nuklearwaffen zu entwickeln. Wie heute im Falle Irans malte man düstere Bilder eines nuklearen Wettrüstens, und die Kennedy-Regierung bereitete Militärschläge gegen das "irrationale" chinesische Regime vor. Bis heute ist China eine der vernünftigsten Atommächte geblieben – es hat als einziger Staat die rechtlich bindende Erklärung abgegeben, Staaten, die keine Kernwaffen besitzen, nicht atomar anzugreifen.

Drittens begibt sich Roß mit der Unterscheidung zwischen "guten" und "schlechten" Bomben auf eine argumentativ schiefe Ebene. Iranische Bomben mögen, aus Washington, Berlin oder Tel Aviv betrachtet, erschreckend aussehen. Genauso bedrohlich sind aber US-Bomben für die Menschen in Teheran, Damaskus oder Tripolis.

Die Frage ist also nicht, ob wir mit der "demokratischen" indischen Bombe, sondern ob wir mit dem Risiko einer nuklearen Eskalation – wo auch immer – leben wollen. Die einzig sinnvolle Antwort darauf ist, politisch darauf hinzuarbeiten, dass eines Tages alle Kernwaffen vernichtet werden. Auch der US-indische Atomdeal muss sich an diesem Ziel messen lassen – doch leider gesteht er dem Subkontinent zwar die Rechte einer Atommacht zu, nimmt ihn jedoch von der im Nuklearen Nichtverbreitungsvertrag festgeschriebenen Pflicht zur Abrüstung aus. Für die internationale Sicherheit hat dieses Abkommen nichts zu bieten.

Thomas Mättig ist ZEIT-Leser in Bonn

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