Am Hindukusch stehen mehr Bundeswehrsoldaten als irgendwo sonst in der Welt, doch dem entscheidenden Afghanistan-Konflikt verweigern sich die Deutschen: Wollen wir den Krieg wirklich führen? Gegner und Befürworter des Einsatzes verbindet eine erstaunliche Gemeinsamkeit: Beiden ist der Konflikt gefährlich egal. Natürlich gibt es Politiker, die diesen Krieg immer schon abgelehnt haben, in der Bevölkerung hat diese Position laut Umfragen eine klare Mehrheit. Aber am Ende war den Gegnern der Konflikt nie wichtig genug, um ernsthaft gegen die deutsche Beteiligung zu mobilisieren. Daher ist ihr Dissens bisher nicht politisch wirksam geworden, weder auf der Straße, noch in den Zeitungen, noch im Parlament. Umso entscheidender ist, wie entschieden die Befürworter sind. Wie sehr sind sie überzeugt von diesem Krieg: Ist er wirklich notwendig? Ist er wirklich gerechtfertigt? Ist er wirklich zu gewinnen?

Auch unter den Unterstützern der Operation antwortet kaum einer dreimal klar mit Ja. Nach sieben Jahren deutschem Krieg in Afghanistan sind auch die Befürworter nicht wirklich dafür. Nun soll die Bundeswehr tausend Soldaten mehr entsenden, die Nato erbittet neue Aufklärungsflugzeuge, doch der deutsche Sommer bleibt ruhig. Krieg oder nicht – der Republik scheint es einerlei. Die Gleichgültigkeit von Unterstützern wie Kritikern hat niemand verdient. Die Bundeswehr nicht, Afghanistan auch nicht.

Natürlich gibt es Gründe für den Unwillen, den größten deutschen Militäreinsatz einer harten Prüfung zu unterziehen. Deutschland führt militärisch wie medial einen low intensity war. Medial entzieht sich der Konflikt den Kategorien der Aufmerksamkeitsgesellschaft. Gleichzeitig leistet die militärische Teilung in den Isaf-Einsatz im Norden (unter Beteiligung der Bundeswehr) und den OEF-Einsatz der übrigen Verbündeten der politischen Selbsttäuschung Vorschub: hier guter Krieg, da böser Krieg. Tatsächlich gibt es in Afghanistan nur einen Krieg mit verschiedenen Fronten. Er ist ein Krieg der versprengten Schauplätze, der verdeckten Operationen, der ungewissen Opferzahlen. Ausführliche Würdigung finden hierzulande nur die Truppenbesuche deutscher Politiker. Wer wüsste dagegen schon zu sagen, wie viele Taliban seit 2001 in den unzähligen kleinen und mittleren Gefechten getötet wurden? Oder darf man einen Krieg nicht in der Zahl der Toten messen?

Nicht nur ist die Öffentlichkeit gespalten, auch viele Verfechter des deutschen Engagements sind 51:49-Unterstützer. Gerade weil sie oft besser informiert sind als die Gegner, stehen ihnen die Hindernisse für eine friedliche Perspektive des Landes umso deutlicher vor Augen. Die drei Einwände gegen ein vertieftes Afghanistan-Engagement lauten Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. In der Vergangenheit sind hier bereits das britische und das sowjetische Empire gescheitert; in der Gegenwart stehen große Fortschritte in manchen Bereichen (Schulen, Wahlen, Frauenrechte) großer Vergeblichkeit gegenüber (der Mohn, die Toten und die Warlords); und was die Zukunft betrifft, fehlt jeder Plan. Diesen Krieg kann man daher bestenfalls gerade so befürworten. Über diese Ungewissheiten ist Afghanistan zum Konflikt am Rande der Wahrnehmungsschwelle geschrumpft, ein Krieg in den Randspalten der Tagespresse, ein Gerade-so-Krieg. In der Folge ist in Deutschland ein Kreislauf entstanden von Desinteresse und Unterinformation. Dieser Kreislauf hat uns träge gemacht im Hinschauen, im Nachfragen, im Nachdenken. Der innenpolitische Kollateralschaden des Afghanistan-Konflikts besteht also vor allem aus unserer selbst verschuldeten Unfähigkeit zum Urteil. Damit ist es schier unmöglich geworden, zum jetzigen Zeitpunkt souverän zu entscheiden, ob der Krieg fortdauern sollte oder gestoppt werden müsse.

Wenn es aber eine Garantie dafür gibt, diesen blutigen Konflikt noch blutiger zu machen, dann ist es unsere kollektive Unmöglichkeit, zu entscheiden, ob die Bundeswehr am Hindukusch tiefer hinein- oder schneller herausgehen sollte. Deshalb ist die Gleichgültigkeit, in die sich Befürworter wie Gegner zurückgezogen haben, so gefährlich. Wer sich seit Jahren zwischen Tun und Lassen nicht entscheiden kann, erhöht nur den Preis für jede Entscheidung, gleich, wie sie ausfällt.

Die Gegner keine Herausforderung, die Befürworter halbherzig, die Faktenlage unterbelichtet – so darf es nicht weitergehen. Im Herbst entscheidet Deutschland zum letzten Mal vor der Bundestagswahl 2009 über die Verlängerung des Afghanistan-Auftrags. Es ist für lange Zeit die letzte Chance, die Apathie zu durchbrechen.