Es ist der 23. November 1938, zwei Wochen nach den "Kristallnacht"-Pogromen, als man in Diepoldsau unweit des Strandbades wieder Schüsse hört. Die Schweizer Beamten sind sofort zur Stelle und verhaften einen Mann, der gerade eine Grenzmauer erklimmt. Doch der Festgenommene ist gar kein Flüchtling, sondern selber Beamter, und zwar Kanzler der Schweizerischen Konsulatsagentur im österreichischen Bregenz. Er heißt Ernest Prodolliet.

Seit September 1938 hat er immer wieder Flüchtlinge über die Grenze gebracht, normalerweise reichte dazu ein Stempel, den er auf ein Formular setzte, oder er nahm seine Schützlinge ins Auto und bluffte mit seinem Diplomatenpass. Vielleicht wies er gelegentlich auch jemanden an einen der zahlreichen Grenzschlepper weiter, die im Rheintal und am Bodensee aktiv geworden waren: arbeitslose Hilfsarbeiter, arme Bauern, jüdische Aktivisten und organisierte Linke, die meist für wenig Geld oder aus Idealismus ein hohes Risiko eingingen und fremdes Leben retteten. Dass Prodolliet, dem in den Akten der Eidgenossenschaft eine "allzu schroffe Verneinung" des nationalsozialistischen Regimes vorgeworfen wird, auch selbst als Passeur durchs Gelände schlich, ist vermutlich nur dieses eine Mal vorgekommen. Dabei stieß er auf eine deutsche Streife, seinen Schützling hat er im Dunkeln verloren.

Sofort wird ein Disziplinarverfahren gegen Ernest Prodolliet eingeleitet, das aber glimpflich ausgeht. Man versetzt ihn nach Amsterdam, wo er 1942 noch einmal aktenkundig wird, als er holländischen Juden zu falschen Papieren verhilft.

Prodolliets Festnahme und die Verhaftung eines sozialdemokratischen St. Galler Polizisten durch die Gestapo, als dieser kurz vor Weihnachten 1938 in der Nähe von Bregenz versuchte, zwei Frauen in die Schweiz zu schmuggeln, läuteten das Ende von Hauptmann Grüningers Tätigkeit ein. Der Polizeikommandant wurde nun von allen Seiten verpfiffen und auf das Übelste denunziert. Man verdächtigte ihn, sich von reichen Juden oder "von Marxisten" bestechen zu lassen und gar mit Jüdinnen, die er rettete, sexuelle Beziehungen zu unterhalten.

Wie viele Flüchtlinge tatsächlich gekommen und wie viele von ihnen dann weitergereist waren, lässt sich wegen der Aktenmanipulationen nicht mehr ermitteln. Ende 1938 zählte die Fremdenpolizei insgesamt 10000 Flüchtlinge nicht nur jüdischer Herkunft in der Schweiz.

Nach Interventionen Heinrich Rothmunds Anfang 1939 wurde Paul Grüninger fristlos entlassen und nach einem langen Verfahren im Oktober 1940 zu einer geringfügigen Buße verurteilt. Das Gericht attestierte ihm, dass er mit der Fluchthilfe und den Aktenfälschungen "keinerlei persönlichen Vorteil für sich beabsichtigte noch sonst erhielt".

Wegen der Gerüchte, die um seine Absetzung entstanden waren – sogar Nazisympathien warf man ihm vor –, blieb er bis zu seinem Tod 1972 in St.Gallen ein verfemter und völlig verarmter Mann. Zwar ehrte ihn die israelische Holocaust-Gedenkstätte Jad Vaschem 1971 (wie 1982 auch Ernest Prodolliet) als "Gerechten unter den Völkern", doch das blieb auf die schweizerischen Behörden ohne sonderlichen Eindruck. Erst 1995 rehabilitierte Grüninger dasselbe Gericht, das ihn 1940 verurteilt hatte. Vor fünf Jahren dann beschloss die Berner Bundesversammlung, auch alle anderen Flüchtlingshelfer zu rehabilitieren, die einst abgestraft worden waren.