Die Gewerkschaften sind von der öffentlichen politischen Bühne fast verschwunden. Fordert ein Gewerkschaftsboss höhere Steuern oder neue Arbeitsmarktgesetze, so gelangt er damit nur selten in die Nachrichtensendungen. Ein Treffen der Kanzlerin mit Gewerkschaftern schlägt sich meistens nicht einmal in kleinen Meldungen nieder. Das ist merkwürdig, denn gleichzeitig haben die Gewerkschaften so viel politischen Einfluss wie seit Jahren nicht mehr. Schließlich besetzen Gewerkschafter viele wichtige Positionen der Linkspartei, prägen auf diesem Weg ihre Ziele. Und der Erfolg der Linken setzt die anderen Parteien unter Druck. Im Windschatten der Lafontaine-Partei sind die Gewerkschaften erstarkt. Kaum ein Machtfaktor wird momentan so unterschätzt.

Das öffentliche Bild von ver.di, IG Metall und den vielen kleinen anderen Organisationen ist nicht gut: Gewerkschaften gelten gemeinhin als Großorganisationen, deren Einfluss so schnell schwindet wie die Zahl der Mitglieder. Ihr Schicksal ähnelt auf den ersten Blick dem der Kirchen oder der Volksparteien – große Vergangenheit, schwierige Zukunft. Wer in diesen Tagen Zeitungsartikel über Gewerkschaften nachliest, findet nur Problemanalysen. Darin ist viel von der Alterung der Mitgliedschaft, dem Schrumpfen der industriellen Basis und Trillerpfeifen-Folklore die Rede.

Das Ansehen bei den Bürgern ist da schon besser. Die Haltung der Deutschen zu den Gewerkschaften hat sich in den vergangenen Jahren deutlich gewandelt. Noch Anfang 2003 wünschten sich in einer Allensbach-Untersuchung nur 28 Prozent mehr Einfluss der Gewerkschaften in der Gesellschaft. Im Mai dieses Jahres waren es bereits 57 Prozent. Immerhin 45 Prozent der Befragten sahen in derselben Umfrage "gute Leute" an der Spitze der Organisationen.

Den Gewerkschaften hilft nicht bloß die Sehnsucht nach mehr Gleichheit und Sicherheit, sondern auch die gute Konjunktur. Nach zwei Jahren Aufschwung konnten die Gewerkschaften Abschlüsse durchsetzen wie seit Jahren nicht mehr – 4,5 Prozent für Bahn-Mitarbeiter, 4,1 Prozent für die Metaller in Baden-Württemberg, 5,2 Prozent für die nordrhein-westfälische Stahlindustrie. Da stört es offenbar auch nicht, dass Gewerkschaften den Bürgern mehr unangenehme Streiks zumuten – in diesem Jahr etwa bei der Bahn, in den Krankenhäusern und bei der Lufthansa. In Deutschland zeichne sich ein neuer Streikrekord ab, berichtete Anfang dieser Woche das arbeitgebernahe Institut der Deutschen Wirtschaft. Im ersten Halbjahr 2008 gab es denn auch mehr Streiktage als im ganzen Jahr 2007.

Die neue Anerkennung gewerkschaftlicher Anliegen wirkt sich auf alle Parteien aus. Während der rot-grünen Jahre war das Verhältnis zwischen Regierung und Gewerkschaften eisig. Die SPD greift inzwischen nicht nur vielerlei Gewerkschaftsforderungen auf, sondern versucht auch, den Porsche-Betriebsrat Uwe Hücks für ihr Wahlkampfteam zu gewinnen. Die Grünen jubelten auf ihrem Parteitag dem ver.di-Chef Frank Bsirske zu. Und die Union wiederholt in jeder Debatte über gesetzliche Mindestlöhne, dass die Tarifautonomie auf keinen Fall geschwächt werden dürfe. Das klang vor Kurzem noch anders.

Die Gewerkschaften haben plötzlich Zustimmung und politische Verbündete. Besser kann es für sie kaum kommen. Aber fangen sie mit diesem unerwarteten Machtzuwachs das Richtige an, sind sie nicht nur Tarifpartei, sondern auch glaubwürdige Anwälte für mehr Gerechtigkeit?

Auf drei Feldern finden sich Antworten. Da wäre erstens die Frage, für wen sich die Gewerkschaften in der politischen Debatte einsetzen. Bloß für ihre klassischen Mitglieder oder auch für Minijobber und schlecht bezahlte Selbstständige, die im Kampf gegen Minilöhne oder Altersarmut oft besonders dringend Hilfe brauchen? Die Antwort darauf fällt positiv aus. Ein Blick auf Schulungen, Beratungsangebote und interne Diskussionen zeigt: Kaum ein Thema beschäftigt die IG Metall und ver.di so sehr wie die Spaltung der Arbeitswelt in Belegschaften erster und zweiter Klasse. Das war lange anders, Programme und Positionen waren sehr auf die klassische Arbeitnehmerschaft mit industriellen Vollzeitjobs zugeschnitten. Hier haben die Gewerkschaften dazugelernt. Das liegt wohl daran, dass auch der gewerkschaftlich organisierte Facharbeiter bei Volkswagen oder Audi vielfach Kollegen, Kinder oder Nachbarn mit prekären Arbeitsplätzen hat und den Absturz auch in den Aufschwungjahren fürchtet.