Das Wort Fotografie hat im Westen viel mit Licht zu tun, im Chinesischen heißt die wörtliche Übersetzung: Umgang mit den Schatten. Man sollte aus diesem Sprachvergleich nicht allzu viel Deutung saugen, dennoch fällt beim Betrachten des üppigen Bildbandes China – Porträt eines Landes von Liu Heung Shing (Taschen Verlag, Köln 2008; 424 S., 39,99 €) auf, wie oft die hier wiedergegebene Wirklichkeit Szenen der Bedrohung zeigt. Bedrohung und die Versuche, ihr mit Gewalt zu begegnen, sind Leitmotive der kaleidoskopartig ausgebreiteten Fotos. So dicht führen wenige Bücher an die jüngere und jüngste Geschichte der Volksrepublik heran.

Ob der Mensch seiner Anlage nach gut oder schlecht sei, hat auch die chinesische Moralphilosophie über die Jahrtausende beschäftigt. Eine bündige Antwort wurde auf die Frage nicht gefunden, doch es herrschte stets Einigkeit darüber, dass der Mensch gewaltig verbesserungsfähig sei, kultivierbar wie die Natur in einem gut gepflegten Garten.

Das hierzu passende Zauberwort heißt "korrekte Ausrichtung", und so zeigen uns viele der am meisten anrührenden Bilder Szenen, in denen die Bevölkerung, "das Volk", "die Massen" nach präzise vorgegebenen Ebenbildern in die angemessene Form gebracht worden sind – oder werden. Selbst für das private Porträt wird stramm stillgestanden.

Genauso deutlich zeigen die Aufnahmen das Schicksal derer, die, nach welchen Gesichtspunkten auch immer, von der Norm abgewichen sind, Unglückliche, deren Natur sie in den Augen der jeweiligen Machthaber als Schädlinge erscheinen lässt und zu Verfolgten macht. Diese Fotos, das macht einen Teil ihres Schreckens aus, entstanden nicht im Geheimen, sie verraten vielmehr die laute Zustimmung derjenigen, die sie für die Zeitgenossen und die Nachwelt festhielten.

Je näher wir im Bildband der Jetztzeit kommen, desto auffälliger und farbenfroher wird der enge Raum, den sich mittlerweile das Private, das Individuelle, das Selbstbestimmte erkämpft haben. Das stimmt hoffnungsvoll, selbst wenn die Fotos auch das Unbeholfene der neuen Aufbrüche genauso dokumentieren wie einige der, nun ja, Schattenseiten.

Der früher im Westen sehr populäre chinesische Philosoph Lin Yütang hat einmal sinngemäß gesagt, eine Gesellschaft brauche für ihren Zusammenhalt auch die Kunst des Schönfärbens. Wenn wir uns alle stets nur die Wahrheit sagten, könnten wir nur schwer miteinander leben.

Das ist gewiss weise, doch wie diese Schönfärberei ausschaut, wenn sie in die Hände der chinesischen Propaganda fällt, dokumentiert der Band sehr ironisch durch die kontinuierliche Reproduktion der Titelseiten von China im Bild. Hier verspottet der Apparat sich selbst, und auch darauf ein Auge geworfen zu haben gehört – neben Ausstattung und Preis – zu den weiteren Vorzügen von China – Porträt eines Landes. Diese Bildkommentare entschädigen auch für einige Passagen im Textteil, die den Rezensenten bedauern lassen, dass der Titel des China-Experten durch keine Handwerkskammer geschützt wird. Tilman Spengler