Peking

Sie schaut stolzer als sonst. Statt des üblichen ärmellosen, verblichenen Leibchens trägt sie nun ein weißes Olympia-Polo-Shirt mit rotem Kragen. Dazu eine gleichfarbige Schirmmütze, wie ein Golfspieler. Zhang Huiyun ist eine der Hunderttausenden freiwilligen Nachbarschaftsaufpasser bei den Olympischen Spielen. »Olympic volonteers security Patrol« steht auch auf Englisch auf dem großen Lichtbildausweis, den sie sich umgehängt hat. Jeden Tag von halb drei bis halb sechs ist sie die kleinstmögliche Antiterroreinheit in ihrem Straßenabschnitt. Sie lebt hier seit 50 Jahren, und sie achtet darauf, dass »die Leute sich nicht schlagen und streiten und dass keiner eine Tür aufzumachen versucht, der dort nicht hingehört«.

Sonderlich streng wirkt Zhang nicht. Die kompakte 55-jährige Frau hat meist ein freches Lächeln um die sperrigen Zähne und Lachfalten auf der Nase. Und sollte sie wirklich eine beflissene Denunziantin im Auftrag der Kommunistischen Partei sein, dann hat sie es in den vergangenen zehn Jahren gut verborgen – so lange wohnen wir nun schon einander gegenüber. Auch die Nachbarn erzählen nichts Negatives. Das Nachbarschaftskomitee hat sie »wegen ihres guten Charakters« ausgewählt und weil sie schon kann, was sie jetzt tut. Bis vor fünf Jahren hat Zhang in der »Zivilverwaltung« gearbeitet. Seitdem ist sie pensioniert und wachsam. Sie hat schon so manchen Streit geschlichtet.

Die Nanluoguxiang ist nicht irgendeine Pekinger Gasse, sondern eine, auf die in diesen Tagen die Kamerawelt schaut. Hier mischt sich unter krummen Bäumen die heile Welt der Pekinger Hutongs, wie die kleinen Gassen mit den traditionellen Hofhäusern in Peking heißen, mit Studentenkneipen, Fotoateliers, Restaurants und teuren Geschäften. Ungefähr seit 1750 gibt es die Gasse schon. Heute ist das ganze Viertel Welterbe der Unesco, die Nanluoguxiang ist eine Vorzeigegasse für die Olympischen Spiele. Fassaden wurden renoviert, alte chinesische Dächer restauriert, Kanäle verlegt, neue Straßenlaternen installiert. Und schließlich wurde ein großes buntes chinesisches Tor am Südende der Gasse gebaut.

Zhangs Mann betreibt einen mobilen Fahrradreparaturladen, einen Werkzeugschrank auf einem Dreirad. Fahrradflicker ist ein geselliger Beruf. Während er Platten repariert, Bowdenzüge nachzieht oder abgetretene Pedalen runderneuert, sitzt immer jemand neben ihm und hat was zu erzählen. Weil da schon einer sitzt, setzen sich noch andere dazu. Und deshalb sitzt dort auch Zhang. Sie sieht viel, sie weiß viel, und sie erzählt viel. Sie kennt die Besitzerin des weißen Pudels, dem die Olympiaringe in Regenbogenfarben in das Fell gefärbt wurden, sie kennt den Ausländer, der immer erst um zwei besoffen nach Hause kommt und morgens um acht schon wieder hinter dem Steuer sitzt. Sie weiß von der Tochter der Ladenbesitzer, die keinen festen Freund hat und dennoch ständig abtreibt. Namen nennt sie keine.

Natürlich weiß niemand mit Sicherheit, welchen Gebrauch Zhang von ihrem Wissen macht. Die Nanluoguxiang wird von einem bunten Völkchen bewohnt, es gibt viele Studentenkneipen, viele junge Leute, viele Ausländer. Würde Zhang Oppositionelle melden? In Nebensachen gibt sie sich selbst gern ein wenig oppositionell. »Uns kleinen Leuten hat es nichts gebracht«, klagt sie über den Aufschwung des Viertels. »Alles ist teurer geworden. Wir kriegen nur 1100 Yuan Rente im Monat.« Das sind gut 100 Euro.

Aber was ist mit Ihrem kleinen Häuschen, aus dem sie ausgezogen sind, um es an einen Boutiquebesitzer zu vermieten? »Das gehörte meinem Bruder.« Und hat er es gut vermietet? »Sehr gut, für mehrere Tausend Yuan, und der Nachbar bekommt schon viel mehr.« Sie beginnt zu flüstern. »Wir haben auch ein Haus, Nummer 39.« Und? »Vermietet. Ein Stoffladen… hohe Miete.«