Derzeit sind die ehrenamtlichen Sprachschützer der Forschungsgruppe Deutsche Sprache e. V. (FDS) gewaltig am Trommeln. Vor ein paar Wochen hat der Verein seine Jahrestagung abgehalten, Höhepunkt war ein Vortrag des Germanisten Uwe Grund, demzufolge deutsche Schüler seit der umstrittenen Rechtschreibreform deutlich mehr Fehler machen. Seitdem schreiben sich die Orthografie-Aktivisten die Finger wund, schicken Pressemitteilungen, Briefe und Mails an die Zeitungsredaktionen der Republik. Ihre alarmierende Botschaft: Die Missgriffe bei der Groß- und Kleinschreibung hätten sich verdreifacht, "Verstöße gegen die korrekte Schreibung des s-Lautes" kämen doppelt so häufig vor wie vor der Umstellung.

Das triumphierende, obgleich unausgesprochene "Wir haben es doch gleich gewusst" spricht dabei aus jeder Zeile. Womöglich etwas voreilig. Zwar sind die Unzulänglichkeiten der Rechtschreibreform unübersehbar, doch die von der FDS vorgelegten Zahlen und deren Interpretation beweisen eigentlich nur eines: wie leicht wissenschaftliche Objektivität dem Wunsch, recht zu haben, zum Opfer fallen kann. Die Vergleichszahlen, die die von der FDS zitierte Studie heranzieht, stammen zum Teil aus Gymnasien der frühen siebziger Jahre. Von einer Zeit, in der nur 10 bis 20 Prozent der Schüler das Abitur anstrebten, kann man bessere Durchschnittsleistungen der Gymnasiasten erwarten als heute, wo – auch dank der in jenen Jahren begonnenen Bildungsexpansion – vielerorts an die 50 Prozent auf die Hochschulreife hinarbeiten. Vollkommen ins Spekulative gleitet die FDS dann ab, wenn sie für den unbestreitbaren Leistungsabfall ein singuläres Ereignis wie die Rechtschreibreform verantwortlich machen will. Mit dem gleichen Recht könnte man behaupten, die zunehmende Luftverschmutzung oder zu viele heiße Sommer hätten die Schülerhirne zur Erweichung gebracht.

Und was ist mit der Feststellung der Studie, gerade in den Bereichen, wo die Rechtschreibreform eingegriffen habe, sei die Fehlerhäufigkeit noch dramatischer angestiegen? Auch sie sagt nichts anderes aus, als dass es sich offenbar um besondere Stolpersteine handelt – die die Rechtschreibreformer ja gerade beseitigen wollten. Ob ihnen das gelungen ist oder nicht, ob heutige Schüler also ohne die Veränderungen besser oder womöglich noch mieser abschneiden würden, kann keiner mit Sicherheit sagen. Sicher aber ist: Die Auseinandersetzungen um die Reform waren lange und ermüdend, Leidtragende waren die Schüler, die Jahre mit der Ungewissheit leben mussten, ob sie nicht doch wieder umlernen müssen. Noch sind nicht alle Wunden verheilt. So hehr die Absichten der Sprachschützer sind, so vorsichtig sollten sie künftig mit ihren Schlussfolgerungen sein.