Wo sind denn nun die Weingärten?, fragt man sich, während Dörfer und Äcker, Wiesen und Windräder am Autofenster vorbeihuschen. Irgendwo hier draußen liegt Carnuntum, Niederösterreichs kleinstes Weinbaugebiet; aber so klein kann es doch auch wieder nicht sein. Ihre beste Zeit hatte die Gegend zwischen Wien und Bratislava zur Römerzeit. Damals war sie bedeutender als die zwei heutigen Hauptstädte. Lange her, aber für zwei Wochen im Sommer will die Region wieder im Mittelpunkt stehen. Sie lädt zum Erlebnisfestival ein, einer "Carnuntum Experience" mit Naturexkursionen, Kochkursen und Weinproben.

Das Gefühl, angekommen zu sein, hat der Besucher zuerst in Göttlesbrunn, wo die meisten Winzer wohnen. Auf dem Dorfplatz stehen ein Brunnen mit einer Weintraubenskulptur und das Gemeindehaus für die 900 Einwohner. Schräg gegenüber hütet das Gasthaus Zum Alten Weinstock Europas angeblich älteste Rebe, einen 200-jährigen Braunen Veltliner. Keine Touristenattraktion im engeren Sinn. Aber der Stolz, mit dem die Einheimischen sie hüten, steckt an.

So ergeht es einem öfter, wenn man vor dem Festbeginn am 15. August durch das Carnuntum reist. Zum Beispiel auf dem barocken Anwesen in Schlosshof an der slowakischen Grenze. Eher unbekannt. Aber der Direktor Kurt Farasin hat den Ehrgeiz, alles wieder so herzurichten, wie es zur Zeit Prinz Eugens aussah. Erklärschilder hängen sparsam aus, denn: "Das Gelände gleicht keinem Museum, sondern es lebt." Das betont Farasin mehrmals während der Führung.

Den Erdbeeren spendiert der Koch einen Hauch Holunderblütenstaub

Besonders lebendig ist es im Stall. Hier überraschen Donatella und Mortadella, zwei weiße Esel mit blauen Augen, sowie zwei weiße Kamele, die einzigen Europas. Die Liebe zum hellen Fell sei barock, erklärt Farasin: "Dunkle Felle empfand man damals als schmutzig." Für die Atmosphäre und den Erhalt der weißen Rasse wird die Zucht heute fortgeführt. Die Tiere sind wertvoll, so wertvoll, dass die Ställe bewacht werden müssen. Einem der Esel wurde sogar mal ein Herzschrittmacher eingepflanzt. Er lebte danach noch sechs Jahre.

Im Naschgarten zeigt Farasin, wo die Liebe blüht. Dort gibt es ein eigenes Beet nur mit Vergissmeinnicht und Margeriten. Die darf man pflücken und dann an den Blütenblättern abzählen, ob man geliebt wird oder nicht. Gleich nebenan ist der Kräutergarten mit allerlei seltenen Arten. Schon die Feinschmecker der Barockzeit waren auf Geschmackserlebnisse aus. Neben den Gewächsen stehen "Bitte zugreifen!"-Schilder mit Hinweisen, welche Kräuter welche Gebrechen lindern. Manche schmecken auch einfach nur gut, nach Gummibärchen oder Lakritz. "Der Garten ist leider immer zu schnell abgenascht", sagt Farasin.

Auf der Obstwiese des Guts kann man weiternaschen von den Apfel-, Zwetschgen- und Marillenbäumen – oder von den Stachel- und Brombeeren im Marmeladengarten. Während des Festivals wird ein Spitzenkoch nach Schlosshof kommen, um mit den Besuchern Marmelade zu kochen. Johannes Jungwirth, Chef des Restaurants Der Jungwirt in Göttlesbrunn, hält sich jedoch mit seiner Kunst zurück. Den eingekochten Erdbeeren spendiert er nur einen Hauch Balsamico, Holunderblütenstaub oder Pfeffer. Für den Geschmack, meint er, sorgen schon die guten einheimischen Früchte.