Diese Platte war mein Vulkan. 1970 brach er aus. In Caen, in der Normandie. Im Bubenzimmer der Gastfamilie, wo der Sohn des Hauses Handgranaten vom Pariser Mai 68 als Trophäen aufgehängt hatte. Ich war achtzehn, im deutsch-französischen Schüleraustausch gegen den erklärten Willen der Großmutter, weil man "ein Kind nicht zum Erbfeind schickt!". Unter der Dachschräge legt der Erbfeind eine LP auf – meine Handgranate. Sie explodierte sofort. Der Cover-Mann war ganz anders als der Vater: Knautschgesicht, unrasiert, Zigarette im Mundwinkel, unter den düsteren Brauen der skeptische Blick aus liebevollen Augen. Rollkragenpullover.

Anders auch diese Lieder. Anders als die Kirchenchoräle des katholischen Würzburg, anders als das Kunstlied meiner Mozart-Schule, anders als die Schlager aus der Hitparade des Bayerischen Rundfunks. Ich entdeckte das Chanson.

Eine Offenbarung. L’amour! Leidenschaft, Aufruhr, Abenteuer, Einsamkeit, Enttäuschung, Betrug, größter Schmerz, größtes Glück. Liberté! Paris! Die Hauptstadt dieser anderen Welt. Und wie der das singt! Die Stimme Samt, energisch, intim, unendlich nah. Während ich hörte, wurde ich erwachsen.

Und die Töne und die Wörter wurden zum magischen Passepartout für das neue Universum. Dem ich entgegenflog. Das rasante Raus aus dem deutschsprachigen Deutschland war ein leidenschaftliches Rein in die französischsprachige Frankophilie: Aufbruch in ein glänzendes Europa ohne Grenzen.

Unvorstellbar in jenen Tagen, dass ich jemals wieder zurückkehren müsse in die jäh fremd gewordene Enge der fränkischen Heimat. Wo doch die wirkliche Heimat ab sofort Paris hieß. Paris, das ich den Eltern als Zwischenstopp auf der Rückfahrt noch telefonisch abgetrotzt hatte. Paris – 48 Stunden nur, vor deren Gefährlichkeit Vater und Mutter panische Angst hatten. Zu Recht. Dort kaufte ich sofort die Platte, die mein Leben verändert hat.

Fini. Die Ferien zu Ende, das retour wird zum Schock: Als Fremde kehrte ich zurück und wurde nie mehr heimisch. Fremdsprache war mir plötzlich Deutsch, Französisch ist jetzt mein künstliches Paradies. Baudelaire! Ist doch nicht nur ein papierner Schulbuchdichter – er lebt, als lyrisches Präludium zu Reggianis Liebes-Lied an Sarah. Und Apollinaire! Liefert die Lyrik für die Hymne an Paris ma rose. Und Rimbaud! Sein Poem auf einen toten Soldaten singt Serge als pazifistischen Prolog zum Deserteur von Boris Vian. Und Moustaki! Und Serge Gainsbourg! Alles aus der Kehle meines Reggiani.

Wenn ich 38 Jahre später den Arm des Tonabnehmers der verstaubten ersten eigenen Dual-Stereoanlage der Romanistikstudentin vorsichtig in die Rillen setze: Vulkanausbruch! Alles wieder da! Jeder Ton, jedes Wort, jedes Atemholen. Brennend heiß siedet das alte Gefühl wieder hoch. Die Lava hat alles konserviert: Nur – die Welt hat sich verändert und ich mich mit ihr!