Ich habe einen starken nomadischen Trieb. In zehn Jahren bin ich zehnmal umgezogen. Während meines Lehramtsstudiums für Französisch, Psychologie und Philosophie habe ich in Wien, Innsbruck, Kopenhagen und Nizza gelebt. Dazwischen habe ich an einem soziolinguistischen Forschungsprojekt im Senegal mitgearbeitet. Seit sechs Monaten unterrichte ich dank eines Mobilitätsstipendiums Deutsch in Kairo.

Kulturschocks gehören zum Programm, und so schickte man mich nach Ägypten. Eigentlich wollte ich nach Algier, weil ich über einen algerischen Schriftsteller schon einmal geforscht hatte. Aber Kairo ist schwer in Ordnung. Die Art, wie die Menschen ihren schweren Alltag mit Humor meistern, hat mich von Anfang an für sie begeistert.

Natürlich zehrt die Riesenstadt manchmal an den Nerven. Dawscha , zahma , harr: laut, überfüllt, heiß. Diese drei Adjektive beschreiben die Stadt am besten. Man ist ständig auf alles gefasst. Auf dem Weg zum Gemüseladen könnte man überfahren werden. Das Autobusnetz funktioniert informell: Jedes Mal rätselt man, wohin die Reise gehen könnte. Immer und überall ist Stau. Und das inmitten konzentrierter Urbanität – Stadtautobahnen in vier Fahrbahnetagen, Fly-overs, Hochhäuser. Und dazwischen ein Schäfer mit seiner kleinen Herde.

Zum Lesen oder Ausspannen gehe ich gern in den schattigen Hof der Ibn-Tulun-Moschee, des ältesten vollständig erhaltenen islamischen Bauwerks des Landes. Das Minarett kann man über eine Wendeltreppe besteigen, die sich völlig ungesichert außen herum windet. Dabei hat man einen wunderbaren Blick über die Dächer der Stadt, auf denen viele Familien Ziegen halten.

Ich war überrascht, dass hier fast jede Bekleidung durchgeht. In meinem Wohnviertel kann ich kurzärmelig und in Kniehosen auf die Straße gehen. Gelegentlich ziehe ich sogar ein Kleid an. Im Unterricht trage ich allerdings lange Hosen und lange Ärmel. Anfangs wurde mir eine Liste mit 596 arabischen Namen übergeben, das seien meine Studenten, hieß es. Jetzt kommen pro Unterrichtseinheit, die zwei Stunden dauert, bis zu 150 Hörer. Mit einem Mikrofon stehe ich vorn auf einem Podest und referiere über deutsche Grammatik und Rechtschreibung. Nach der Stunde kommen viele Studenten auf mich zu, um mit mir zu reden und mir kleine Geschenke zu überreichen. Ich habe bereits so viel Arabisch gelernt, dass ich mich flüssig mit ihnen unterhalten kann. Ein fröhliches Chaos ist das.

An der islamischen Universität al-Azhar sind die Lehrbedingungen anders. Dort habe ich weniger Hörer. Dafür bin ich auf diesem Campus die einzige Frau.

Aufgezeichnet von Ernst Schmiederer