ZEIT: Sie waren müde?

Fischer: Ich war müde, aber noch viel wichtiger: Ich hatte das Gefühl, die Dinge wiederholen sich. Ich bin jemand, der neue Herausforderungen braucht. Ich wäre gerne nach Brüssel gegangen, aber das war nicht möglich. Und wissen Sie, ich bin ein Rot-Grüner, dafür habe ich einen Gutteil meines Lebens gekämpft. Ich bin rot-grün, ich kann nicht anders. Dass meine Partei mit der Veränderung der Parteienlandschaft neue Wege gehen muss und gehen werden wird, ist klar. Aber das ist nicht mehr mein Ding. Dafür bin ich zu alt, und damit meine ich nicht nur die Lebensjahre. Als ich im Bundestag im letzten Jahr auf der Hinterbank saß, wurde mir klar: Das ist nicht mehr meine Zeit, das ist auch nicht mehr mein politisches Personal. Ich bin und bleibe ein 68er und spüre jetzt den Generationswechsel. Ich finde das übrigens auch sehr faszinierend bei Obama, wie er diesen bevorstehenden Generationswechsel klar und überzeugend anspricht, das finde ich mit den stärksten Moment in seiner Berliner Rede.

ZEIT: Sie sagen, Sie brauchen neue Herausforderungen. Wie sehen die in Ihrem jetzigen Leben aus?

Fischer: Die Herausforderung ist, dass ich keine mehr brauche. Ich muss keinen Achttausender mehr bezwingen. Das genieße ich. Ich tausche Macht gegen Freiheit, so habe ich es genannt, und so ist es. Ich bin jetzt wieder der Individualist, der ich früher war. Wenn Sie wollen, knüpfe ich an mein Leben an vor 1983, als ich Minister wurde in Hessen. Diese 16 Monate waren meine dramatischste Zeit, ich hatte dauernd das Gefühl, ich versinke im Chaos. Ich habe in dieser Zeit sicher am allermeisten gelernt, aber das Schlimmste damals war der Verlust meiner Freiheit. Ich war immer in irgendwas eingebunden. Damit ist jetzt endlich Schluss.

ZEIT: Herr Fischer, Sie sagen, Sie sind immer noch ein Linker. Kann dieses Etikett manchmal stören, wenn man mit den Mächtigen dieser Welt kommuniziert? Besteht die Gefahr, man gehört nicht wirklich dazu?

Fischer: Überhaupt nicht! Wenn ich beim Treffen des Bundesverbandes der Deutschen Industrie aufgetreten bin, mochte das ein Handikap gewesen sein. So what? Wenn man sich aber einen internationalen Investor wie George Soros anschaut, eine große Persönlichkeit, die gut in einen Roman von Thomas Mann passen würde, was ist dann links und rechts? Da greifen diese Muster gar nicht.

ZEIT: Sie sagen, Bob Dylan hat Ihnen immer viel bedeutet. Warum?

Fischer: Die erste Schallplatte, die ich mir in meinem Leben gekauft habe, war Freewheelin’ von Bob Dylan mit Blowin’ in the Wind. 16 oder 17 war ich, und es gab Krach mit meinem Vater, der von dieser Musik gar nichts hielt. Für mich war das eine Offenbarung, das Gegenteil von meiner engen, stickigen Realität im Stuttgarter Raum. Es war einfach: Lass alles hinter dir und geh dem Horizont entgegen!

ZEIT: Ist es irgendwann zu einer Begegnung mit Dylan gekommen? 

Fischer: Ich bin ihm treu geblieben bis zum heutigen Tag, obwohl ich ihn nie live gesehen habe. Wichtig waren seine politischen Texte auch für mich, Masters of War etwa, wobei man aus heutiger Sicht sagen muss, dass in diesem Lied viel Naivität steckt.  

ZEIT: Bob Dylan singt in seinen Liedern oft vom Thema Verrat, von Leuten, die Ideen und Menschen verraten. Der Vorwurf des Verrats wurde auch Ihnen oft gemacht.

Fischer: Ja, aber damit hatte ich nie ein Problem. Ich hätte mich verraten, wenn ich damals nach den Massenmorden in Srebrenica nicht für einen militärischen Eingriff plädiert hätte. Ich gehöre auch heute nicht zu denen, die den Krieg als Mittel der Politik sehen, überhaupt nicht. Aber heute sehe ich eben auch, was wir mit dem europäischen Sicherheitsisolationismus für einen Preis bezahlen. Dass wir eben nicht mehr autonom in unseren Entscheidungen sind. Das sehe ich heute anders als mit 18 oder 25 und auch noch mit 35. Aber es ist dennoch derselbe Kopf geblieben, der das denkt. Das Geschrei vom Verrat berührt mich nicht.

ZEIT: Sie sind ein anderer Mensch gewesen: Ist das Ihre Vorstellung, dass man im Laufe eines Lebens mehrere unterschiedliche Menschen ist?

Fischer: Sie verändern sich und bleiben doch derselbe, aber Sie verändern sich. Gut, es gibt einen Lafontaine, der seine Lebensperioden auf den Kopf stellt, mit 30 Oberbürgermeister, mit Mitte 60 Radikaler, mit 80 vielleicht der deutsche Lenin? Das finde ich eher komisch. Für mich würde ich sagen: Vielleicht ist der Begriff "ein anderer Mensch" falsch, ich würde es nennen: derselbe Mensch in anderen Phasen seines Lebens. 

ZEIT: Sie bezeichnen Madeleine Albright als eine Freundin. In Ihrem Buch Die rot-grünen Jahre erwähnen Sie kaum gezügelt, wie unsympathisch Ihnen Dick Cheney, der amerikanische Vizepräsident, gewesen ist. Wie anstrengend dürfen wir uns den Kontakt vorstellen?

Fischer: Nicht sehr. Sie sind in einem Raum, es wird miteinander gesprochen. Er beobachtet Sie, Sie beobachten ihn.

ZEIT: Das ist noch nichts Ungewöhnliches.

Fischer: In der Politik trifft man auf viele Leute, die sehr unterschiedlich sind. Man muss einen professionellen Zugang finden, aber bei Cheney, nun, der wirkte schon sehr fremd auf mich.

ZEIT: Inwiefern? 

Fischer: Ein ganz merkwürdiger Typ eben, verschlossen, der sagte nicht viel. Da war man auf seinen Instinkt angewiesen.