ZEIT: Wenn der Eindruck nicht täuscht, dann gelingt es Ihnen als Privatier so langsam, Ihre Diplomatensprache abzulegen.

Fischer: Da mögen Sie recht haben. Anders verhält es sich mit meiner Partei. Da werde ich in meinen Äußerungen immer diplomatischer.

Zur Fortsetzung des Gesprächs vier Tage später hat Joschka Fischer an den leeren Schreibtisch seines Berliner Souterrainbüros gebeten. Alles ist sehr schlicht, Ikea-Anmutung. Über die Firma Joschka Fischer Consulting möchte der Hausherr ausdrücklich nicht reden. Aus den Regalen neben der Espressomaschine leuchten meterlang die Aktendeckel mit den Manuskripten seiner Reden, draußen vor dem Kellerfenster tobt Benno durch den Garten. Für die Fotoaufnahmen hat Fischer einen Waldspaziergang zum nahen Grunewaldsee akzeptiert, er greift zu einem Jackett. Seit einer Woche joggt er wieder, der Wald ist sein Parcours, sagt er. Obwohl er diesmal Benno zu Hause lässt, bleibt Fischer unterwegs nicht lange ohne Hund. Andere Vierbeiner entdecken in ihm schnell den Tierfreund und folgen ihm. Nach gut 50 Minuten hat Fischer genug. "Sie haben noch 60 Sekunden", ruft er dem Fotografen und dessen junger Assistentin zu. Es klingt wie ein Bellen.

ZEIT: Mit Colin Powell, dem Außenminister, kamen Sie besser zurecht.

Fischer: Wir sind befreundet.

ZEIT: Sie haben ihm den Irakkrieg nicht ausreden können?

Fischer: Wir haben viel darüber gesprochen. Ich habe immer dieselben Fragen gestellt: Warum sind die USA als Sieger des ersten Irakkrieges nicht nach Bagdad durchmarschiert? Die Straße war damals offen. Ich habe mich daran erinnert, was George Bush, der Vater des jetzigen Präsidenten, dazu geschrieben hat. Der entscheidende Punkt war doch: Wie kommt man aus dem Irak wieder heraus, ohne Chaos zu hinterlassen? Wer hätte den Iran in Schach gehalten? Wer ein Chaos in der Region verhindern können? Diese Fragen habe ich immer wieder vorgebracht und bekam keine wirklichen Antworten darauf.

ZEIT: Ist Powell, wie behauptet, von den eigenen Geheimdiensten getäuscht worden?

Fischer: Das weiß ich nicht. Ob die Dienste getäuscht haben, da wäre ich vorsichtig. Wir hatten alle mehr oder weniger den gleichen Kenntnisstand. Und dieser Kenntnisstand rechtfertigte nicht, den Irak ins Zentrum eines Angriffs zu rücken. Nur: Bush, Cheney und Rumsfeld wollten den Irakkrieg. 

ZEIT: Und jemand wie Powell?

Fischer: Er wollte ihn nicht. Aber für einen Soldaten kam ein Rücktritt ganz offensichtlich nicht infrage, wenn die Armee in einen Krieg zieht. 

ZEIT:Gerhard Schröder und Joschka Fischer entschieden damals anders, sie sagten dem US-Präsidenten Nein. Eine coole Entscheidung, könnte man heute sagen.

Fischer: Es war doch nicht die Frage, ob das cool ist oder nicht. Diese Formulierung führt an der Sache völlig vorbei. Zu einer fatal falschen Entscheidung Nein oder zu einer richtigen Entscheidung Ja sagen zu können, das ist Politik. Dadurch gestalten Sie! Dafür nehmen Sie alles andere in Kauf. Sie können auch Ja sagen und dies dann in der eigenen Partei durchfechten. Daran ist überhaupt nichts cool, und ich wollte, wir hätten diese Entscheidungen auf dem Balkan, in Afghanistan und im Irak nicht treffen müssen. Das ist die Essenz von Politik, dass Sie dann die Entscheidungskompetenz haben, nicht allein, aber Sie sind beteiligt. Ja, dafür nehmen Sie das alles in Kauf…

ZEIT: …den Stress?

Fischer: Unterschätzen Sie nicht den Druck, unter dem Sie permanent stehen, der irgendwann sichtbar wird, auch in Ihren Gesichtszügen. Das Misstrauen, unter dem Sie stehen, die Einsamkeit um Sie herum, all das spielt eine Rolle.

ZEIT: Bei der Gelegenheit – welcher Politiker in Deutschland wird unterschätzt?

Fischer: Wolfgang Schäuble ist jemand, der es einem bisweilen ja sehr schwer macht. Er macht es einem schwer mit seiner ganzen Notstandsphilosophie, die ich überhaupt nicht teile. Aber er hat einen eigenen Kopf. 

ZEIT: Wie ist Ihr Verhältnis zu Gerhard Schröder heute? Erklären Sie sich die Welt, telefonieren Sie jede Woche?

Fischer: Nein, wir telefonieren nicht jede Woche, ich bitte Sie. Ab und an rufen wir uns an, sehen wir uns auch. 

ZEIT: Er fehlt Ihnen nicht?

Fischer: Nein, wir haben ja keine Ehe geführt.

ZEIT: Haben Sie eigentlich jemals einem Menschen den Handschlag verweigert?

Fischer: Nein, aber ich weiß noch, als ich zum ersten Mal Alfred Dregger begegnet bin, da dachte ich wirklich, das ist der Klassenfeind. Und er umgekehrt dachte, das ist die fünfte Kolonne Moskaus, wie er mir später gesagt hat. Aber letztendlich gilt: Frieden müssen Sie immer mit dem Feind und nicht mit dem Freund machen.