Er verkörperte einen Typus in der Sozialdemokratie, der bereits in der Zeit seiner aktiven Jahre nur noch selten anzutreffen war: selbstlos, geradlinig, geprägt von der Kultur der Arbeiterbewegung, dem Parteiideal von der Emanzipation des Proletariats verpflichtet. Dadurch nahm er auch in den Regierungsjahren von Bruno Kreisky eine Sonderstellung ein.

Für den Arbeitersohn Fred Sinowatz war die Sozialdemokratie vor allem eine Bildungsbewegung, deren Aufgabe darin liegt, den unterprivilegierten Schichten Zugang zu Wissen und Kultur zu verschaffen und dadurch erst ihren gesellschaftlichen Aufstieg zu ermöglichen. In zwölf Jahren im Unterrichtsministerium und in drei turbulenten Kanzlerjahren verfolgte er beharrlich dieses Ziel. Dass die große Bildungsreform, die sein Lebensziel war, ein Fragment blieb und von vielen seiner Nachfolger nur noch halbherzig verfolgt, wenn nicht ganz vernachlässigt wurde, nahm er in einer sehr introvertierten Form von Verbitterung, die ihm eigen war, zur Kenntnis. Offen kritisieren wollte er das niemals. Zu loyal stand er zu seiner Partei, zu sehr fühlte er sich dem Parteiwohl verpflichtet.

Als der Historiker und erfolgreiche burgenländische Landespolitiker 1971 vom Wahlsieger Kreisky in das Unterrichtsressort berufen wurde, kam das einem kleinen Kulturschock gleich. Das Ministerium war eine konservative Bastion, die meisten Beamten entstammten dem katholischen Cartellverband, dazu ausersehen, die Hegemonie der Bildungseliten sicherzustellen. Als "Hamlet vom Lande" (so damals das Magazin profil) begrüßten ihn die Medien. Mit Sinowatz zog nicht nur der Doppler mit Weißwein in das barocke Ministerbüro ein. Plötzlich wurden dort auch umstürzlerische Ideen ausgetüftelt. Das große Ziel, die Einführung der Gesamtschule, blieb zwar unerreicht, weil die Volkspartei – bis heute – beharrlich ihre dazu erforderliche Zustimmung verweigerte, doch mit einer ganzen Palette von kleineren Reformen gelang es Sinowatz schrittweise, das Schulsystem zu demokratisieren: Abschaffung der Aufnahmeprüfung für Gymnasien, Gratisschulbücher, neue Schultypen, Schülerfreifahrten, neue Oberstufengymnasien in jedem politischen Bezirk des Landes. Vieles wurde heftig bekämpft, alles hat sich durchgesetzt.

Von seinem ganzen Wesen her schon ein undogmatischer und zielorientierter Überzeugungsarbeiter, konnte es Sinowatz meist vermeiden, dass kulturkämpferische Töne die Atmosphäre vergifteten. Zugleich versuchte er, sich aus den parteiinternen Kontroversen herauszuhalten, die damals die SPÖ entzweiten. Er war ein Mann der Partei und nicht einer Fraktion. Vermutlich prädestinierte ihn diese Haltung zum Kanzlernachfolger, nachdem Kreisky 1983 die absolute Mehrheit verloren hatte.

Weder wollte er je Regierungschef werden, noch mochte er eine Koalition mit der FPÖ anführen – doch auf Geheiß des roten Parteipatriarchen Kreisky tat er beides. Die Turbulenzen der folgenden drei Jahre sollten fortan seine gesamte Karriere überschatten. Einerseits hinterließ Kreisky ein Vakuum, anderseits brachen nach dem Macht- und Regierungswechsel viele alte Konflikte auf. Österreich wandelte sich zu einer "Skandalrepublik" (Der Spiegel), ein Minister wurde mit den Fingern in der Kasse ertappt, die Verstaatlichte Industrie versank in einem Milliardengrab, der Weinskandal trieb eine Branche an den Rand des Ruins, bei den Antikraftwerksprotesten in der Hainburger Au nahm eine neue politische Bewegung erstmals Gestalt an. Es waren zu viele Fronten, an denen der leutselige Politiker nach und nach seine einstige Beliebtheit einbüßte. Sogar dass er sich konsequent einfachen Antworten widersetzte, wurde nun gegen ihn ins Treffen geführt. Nach der Wahl des Verdrängungskünstlers Kurt Waldheim zum Staatsoberhaupt übergab er sein Amt an Franz Vranitzky. "Ehrlich gesagt, es reicht mir", verabschiedete er sich. Er hätte es verdient, als der vielleicht bedeutendste Bildungsreformer und Kulturpolitiker der Zweiten Republik in Erinnerung zu bleiben. joachim riedl

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