Im Juli, beim Euroscience Open Forum in Barcelona, stritten sich Experten über Nutzen und Schaden der Krebsfrüherkennung wie die Kesselflicker. Einig waren sich Kritiker und Befürworter nur im vernichtenden Urteil über den Bluttest auf das Prostata-spezifische Antigen (PSA), mit dem vor allem Urologen den Prostatakrebs früh erkennen wollen. Der Vorwurf: Mit dem Test helfe man – wenn überhaupt – nur wenigen Männern, richte dabei aber durch überflüssige Therapien erheblichen Schaden bei vielen anderen an. Die Liste der möglichen Nebenwirkungen umfasst Inkontinenz, Impotenz, Blasen- und Darmprobleme. "Hätte man den Test in den Leistungskatalog des britischen Früherkennungsprogramms aufgenommen", sagte dessen ehemaliger Leiter Sir Muir Gray in Barcelona, "ich hätte meinen Job quittiert."

In den USA hat die Preventive Services Task Force des Kongresses jetzt die Abschaffung des Bluttests zunächst für Männer über 75 empfohlen. Bisher gilt der PSA-Test bei vielen Urologen als Goldstandard bei der Diagnose des häufigsten Tumors und der dritthäufigsten Krebstodesursache bei Männern. Der Streit geht im Kern darum, ob keine Früherkennung einer schlechten vorzuziehen sei.

Eine krankhaft vergrößerte Prostata versuchen Ärzte durch eine rektale Tastuntersuchung zu erkennen. Doch die Methode ist zuverlässig wie eine Tombola – bestenfalls eine von 20 Krebserkrankungen wird dabei entdeckt. Und von den auf diese Weise diagnostizierten Fällen sind bis zu 50 Prozent so fortgeschritten, dass eine Heilung ohnehin nicht mehr möglich ist. Wird die Untersuchung durch einen PSA-Test ergänzt (den gesetzlich Versicherte in der Regel selbst bezahlen müssen), wird die Gemengelage noch unübersichtlicher. Nur ein Drittel der Untersuchten mit einem erhöhten PSA-Spiegel hat tatsächlich Krebs, doch sicherheitshalber müssen alle Fälle durch schmerzhafte Gewebeentnahmen abgeklärt werden. Auch wenn dieser Test den Verdacht bestätigt, ist immer noch nichts sicher: Nur selten ist der Krebs bedrohlich, die Mehrzahl der Fälle ist harmlos.

Bei fast jedem fünften Mann beginnt irgendwann im Leben dieser Tumor zu wachsen. Bei 85-Jährigen fand man bei 85 Prozent Krebs in der Prostata. Doch nur 3,5 Prozent der Patienten sterben daran. Die meisten Patienten sind also nicht therapiebedürftig. Innerhalb ihrer verbleibenden Lebenszeit wird ihnen der Krebs nie Probleme bereiten. Doch derzeit ist es kaum möglich, zuverlässig vorherzusagen, ob die Erkrankung nicht doch den seltenen, aggressiven Verlauf nimmt, sodass sie unbedingt, auch um den Preis von Nebenwirkungen, behandelt werden muss.

Ob PSA-Tests, massenhaft eingesetzt, die Sterblichkeit durch Prostatakrebs wirklich senken, ist ohnehin nicht erwiesen. Die Ergebnisse europäischer Großstudien dazu werden von den Urologen sorgenvoll erwartet.

Die einzige Lösung des Dilemmas wären sogenannte Biomarker, die den Krebs und seine Aggressivität zuverlässig anzeigen. Daran wird intensiv gearbeitet. Doch bis die neuen Tests anwendungsreif sind, sollte man die Männer und ihre Prostata wohl besser in Ruhe lassen.