Gerhard Schröders Satz vom "Koch und Kellner" über die Grünen hat sich ins politische Trivialgedächtnis eingeprägt. Der SPD-Kanzler drückte damit aus, was er unter einer funktionierenden Koalition verstand: ein Herrschaftsverhältnis. Zieht man das Kränkende gegenüber den Grünen und das Machohafte des Sozialdemokraten ab, enthält Schröders rotzige Bemerkung eine richtige Lehre: Koalitionen müssen verlässlich sein. Koalitionspartner diszipliniert. Und weil es in vier Jahren einer Legislatur auch harte Zeiten geben kann, schließt man bei allem Vertrauen und guten Willen lieber einen Koalitionsvertrag.

Diese Grundlehren, im realen politischen Leben erprobt, werden jetzt in Hessen von Andrea Ypsilanti außer Kraft gesetzt. Sie will mit der Linken keine Koalition, sie sucht die Kooperation. Und darin liegt, neben allen inhaltlichen oder gar ideologischen Bedenken, die man gegen eine Kooperation der SPD mit der Linkspartei vorbringen kann, das größte Risiko. Andrea Ypsilanti kann sich nicht sicher sein, ob sie die Hürde zur Ministerpräsidentin nimmt, und ist bereit, sich mit ihrer Partei in eine Regierung ohne Absicherung zu stürzen. Ausgeliefert den Interessen der Linkspartei. Buchstäblich auf Gedeih und Verderb.

Fragt man sich, warum die SPD-Politikerin so unvernünftig handelt, gibt es nur eine Erklärung. Sie hat keine Alternative und will jetzt, bevor der CDU-Ministerpräsident Roland Koch Neuwahlen erzwingt, in die Offensive. Aber was daran ist offensiv? Die Linke hat von Anfang an klargemacht, dass sie sich nicht in eine Regierung einbinden lässt. Keiner hat die Linke gefragt, warum. Im Gegenteil. Andrea Ypsilanti, konfrontiert mit dem Vorwurf des Wortbruchs, kam die Distanz der Linken gelegen. Glaubte sie doch, so der kritischen Öffentlichkeit die Zusammenarbeit als ungefährlicher darstellen zu können. Sie läuft – jetzt zum zweiten Mal – in die Falle, die die Linke ihr stellt. Wieder redet sie nur von Kooperation, verlangt keine Koalition.

Das strategische Kalkül der Linkspartei und ihres Landeschefs Willy van Ooyen ist klar. Sie wollen mitmischen, ohne einen politischen Preis zu zahlen. Und für Oskar Lafontaine ist Hessen eine Trophäe, eine große Genugtuung. Aber er weiß auch, dass in einer verbindlichen Regierungsbeteiligung für seine junge unerfahrene Partei riesige Probleme stecken.

Der Satz "Erst das Land, dann die Partei" gilt nicht für Oskar Lafontaine. Ihm geht es nicht um das Land, um ein sozialeres oder ökologischeres Hessen. Ihm geht es um die Partei, um die Wahlerfolge im Saarland, in Thüringen und nicht zuletzt im Bund. Lafontaine will die Linke groß machen. Er will den Platz als drittstärkste Kraft behaupten, den die Partei im Bund in den Umfragen derzeit hat. Dabei darf kein Konflikt in Hessen stören, dem darf keine Regierungsentscheidung, für die man geradestehen müsste, im Wege stehen. Lafontaine will profitieren, ohne einen politischen Preis zu zahlen. Willy van Ooyen nennt das dann "punktuelle Zusammenarbeit".

Die Linke hat es geschafft, die SPD zu dominieren. Sie musste dafür nichts tun, außer zu warten. Auf deren strategische Fehler und ihre fortdauernde innere Zerrissenheit. Nicht nur in Hessen. Dass die Sozialdemokraten eine eigene Kandidatin für das Bundespräsidentenamt aufgestellt haben, eine, die den ausdrücklichen Willen hat, zu gewinnen, macht die Sozialdemokraten auch auf dieser Bühne zu Bittstellern. Es grenzt wirklich ans Unwürdige, wenn Gesine Schwan bei Gregor Gysi und der Linksfraktion um einen Gesprächstermin nachfragen muss und es Wochen dauert, bis es zu einem Treffen kommt.

Gesine Schwan hat nur eine Möglichkeit, politisch unbeschädigt zu bleiben. Sie darf nicht um die Stimmen der Linken werben – auch um den Preis, nicht gewählt zu werden. Andrea Ypsilanti ist schon beschädigt. Aber auch ihr bleiben noch Handlungsoptionen. Wenn sie schon in einer Linksregierung eine gute politische Lösung für Hessen sieht – und das ist zu hoffen, sonst wäre ihr Handeln unredlich –, dann muss sie versuchen, die Linke in die Verantwortung zu zwingen. Gelingt es ihr, kann sie beweisen, dass ihr politischer Kurs in einem großen wichtigen Bundesland wie Hessen, mit Großflughafen und Bankenstandort, erfolgreich sein kann. Gelingt es nicht, drückt sich also die Linke vor der Regierung, hätte sie das Land Hessen und ihre Partei vor einem großen Schaden bewahrt. Und der interessierten Öffentlichkeit ein Lehrstück über politische Führung ermöglicht. Viele Konjunktive. Und noch einer: Für diesen Weg bräuchte es eine starke, unabhängige Politikerin, die bereit wäre, zu verlieren. Auf eigene Kosten.